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Durchsetzerin der ersten Stunde

Mobilisierte die Öffentlichkeit: Elisabeth Selbert Foto: dpa

Von Simone Schmollack

Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Der Satz, der heute wie selbstverständlich als Artikel 3, Absatz 2 in der bundesdeutschen Verfassung verankert ist, geht auf eine besondere Frau zurück: Elisabeth Selbert. Die Juristin und hessische SPD-Landtagsabgeordnete gehört zu den vier Frauen, die neben 61 Männern nach Kriegsende das bundesrepublikanische Grundgesetz verfassten.

Ihr ist es zu verdanken, dass die Verfassung einen fulminanten Dreh erfuhr. Ursprünglich sollte der Artikel so formuliert sein: „Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ So, wie es die Weimarer Verfassung 1919 festgelegt hatte. Dadurch konnten Frauen in Deutschland zwar erstmals wählen und gewählt werden, ansonsten aber galt das Bürgerliche Gesetzbuch, das Frauen jegliche Rechte absprach und ein zutiefst patriarchalisches Ehe- und Familienmodell propagierte.

„Wissen überhaupt die meisten Frauen, wie rechtlos sie sind?“, fragte Selbert 1948 in einer der zahllosen Sitzungen, in denen um das Grundgesetz gerungen wurde. Für viele Rechtsgeschäfte brauchten sie die Genehmigung des Mannes. Konnten sich die Ehegatten nicht einigen, entschied derjenige Ehegatte, „der nach der natürlichen Ordnung von Ehe und Familie diese Entscheidung treffen“ musste – wieder der Mann.

Als Familienanwältin sah Selbert jeden Tag, was es für Frauen bedeutete, wenn sie sich scheiden ließen, weil der aus dem Krieg zurückgekehrte Mann infolge einer posttraumatischen Belastungsstörung die Familie tyrannisierte. Die Frauen waren rechtlos, standen in den meisten Fällen ohne Geld, ohne Wohnung und häufig ohne ihre Kinder da.

Um das zu ändern, trat Selbert eine bis dahin beispiellose öffentliche Kampagne los: Sie sprach im Frauenfunk und vor Frauen im gesamten Land – und erntete dafür waschkörbeweise Briefe, die Selberts Forderung unterstützten. Allein 60.000 Metallarbeiterinnen wandten sich an den Parlamentarischen Rat und forderten die gleichen Rechte wie Männer.

1986 starb Selbert, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, an ihrem Geburtsort Kassel. Sie ist weitgehend vergessen, insbesondere außerhalb Hessens. In Bremen-Osterholz gibt es wenigstens eine Straße, die nach ihr benannt ist.