Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Dass ein Mann auf einer Bank gefährlich sein soll, kann ich schwer verstehen

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Am Samstag gab es in Hamburg einen Protestzug. Der Protest machte aufmerksam auf die Behandlung eines Menschen, der an Herzversagen gestorben ist, nachdem der Sicherheitsdienst des UKE ihn gewaltsam fixiert hatte. Der Mann saß auf einer Bank, als der Sicherheitsdienst ihn überwältigte. Das sind so Sachen, die kann ich nur schwer, eigentlich gar nicht verstehen, und ich hoffe, dass sich noch irgendwann irgendetwas ergibt, das mir sagt, dass es alles ganz anders gewesen sein muss.

Er sitzt auf einer Bank. Und dann wird er irgendwie gepackt und gezwungen, mit körperlicher Gewalt. Auf einer Bank! Das kann ja nicht sein, sagte ich mir, so etwas passiert nicht. Es waren ja keine Schläger, es war der Sicherheitsdienst eines Krankenhauses. Ein Krankenhaus ist ein Ort für Menschen, in dem Menschen geholfen werden soll. In dem Ärzte arbeiten, die einen Eid in diesem Sinne geschworen haben. Das ist kein dunkler Platz in einer Unterführung, da ist es hell, da ist Gras und Licht und da sind eine Menge anderer Menschen. Es kann gar nicht sein. So dachte ich. Das wäre das einzig Beruhigende, dass es so nicht gewesen sein kann.

Aber der Mensch ist tot. Er ging selbst, aus eigenem Antrieb, in dieses Krankenhaus und jetzt ist er tot. Das kann man sich nicht wegdenken, was soll daran richtig werden, selbst wenn man abwartet? Ich weiß nicht, wie gefährlich dieser Mensch war, aber er saß auf einer Bank. Wie gefährlich kann ein Mensch sein, in dem Moment, in dem er auf einer Bank sitzt?

Ich las mich kreuz und quer durch Artikel und Zeugenaussagen und vor allem durch Kommentare. Ich mache mir nichts vor, da ist der Abschaum unterwegs, die Kommentarspalten sind der Mülleimer der Nation. Leute, die überzeugt sind, von der Notwendigkeit einer Fixierung, grundsätzlich, die überzeugt sind, dass es sehr viele Situationen gibt, in denen solch eine Behandlung die einzig richtige ist, die gar nicht in Betracht ziehen wollen, dass etwas falsch daran sein könnte, wenn ein Mensch, der auf einer Bank sitzt, von Sicherheitspersonal gewaltsam fixiert wird.

Es ist immer ein Problem, dass wir nicht alles wissen. Das ist das größte Problem am Ganzen, dass wir einfach nicht alles wissen können, dass wir immer mangelhaft informiert sein werden, selbst wenn es eine Aufklärung gegeben hat. Eine Aufklärung ist immer nur eine mehr oder weniger zutreffende Annäherung an die Wahrheit. Wir wissen es nicht, wie sich dieser Mensch gefühlt hat, als ihm das geschehen ist. Wir wissen es nicht, wie das Sicherheitspersonal wirklich gedacht hat, als es so gehandelt hat, wie es gehandelt hat. Wir wissen es nicht, was die Ärztin gedacht hat, die den Auftrag gegeben hat, noch, was sie jetzt denkt. Wir werden niemals alles erfahren, selbst wenn die Beteiligten darüber reden.

Wir alle müssen Stellung beziehen, obwohl wir nicht alles wissen können

Aber handeln müssen wir. Wir alle müssen in bestimmten Situationen Stellung beziehen, auf die eine oder andere Weise, obwohl wir nicht alles wissen und es immer Details gibt, die wir nicht kennen. Das ist das Problem. Und je mehr wir der Wahrheit verhaftet sind, je anständiger wir sind, umso mehr bindet uns das die Hände, die so dringend benötigt werden.

So oft denke ich, dass ich gern genauer wissen würde, wie Dinge abgelaufen sind. Aber selbst die, die dabei gewesen sind, haben verschiedene Bilder und verschiedene Gefühle, verschiedene Eindrücke von den Dingen, wie sie geschehen sind. Und dann verändert die Zeit sie, anderes Wissen kommt hinzu, andere Meinungen, es schiebt sich alles ineinander und übereinander, verzerrt sogar rückwirkend die Wahrnehmung, und am Ende bleibt immer eine Unsicherheit. Aber dennoch müssen wir handeln, wir dürfen nicht erstarren, in dem ewigen Rest von Ungewissheit, wir müssen uns positionieren, solidarisch mit den Opfern sein. Wenn ein Mensch, der auf einer Bank saß, derart behandelt wird, dann müssen wir sagen, dass wir damit nicht einverstanden sind, unter gar keinen Umständen.