schlagloch

Keine Seifenblasen mehr

Betont leichtfertigen Optimismus haben wir uns zu lange geleistet. Und nun?

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NoraBossong Jahrgang 1982, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zu ihren wichtigsten Romanen zählen „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (2012) und „36,9°“ (2015). Kürzlich erschien ihr Gedichtband „Kreuzzug mit Hund“ bei Suhrkamp.

Die Schlagloch-Vorschau:

4. 6. Georg Seeßlen

11. 6. Ilija Trojanow

18. 6. Jagoda Marinić

25. 6. Charlotte Wiedemann

2. 7. Hilal Sezgin

9. 7. Mathias Greffrath

Hier könnte ein Satz auf schwarzem Grund stehen: „Die Autorin trauert um Italien.“ Womit auch gemeint wäre: um ein zusammenwachsendes Europa. Doch für einen solchen Satz gäbe es nur wieder Schelte, also doch lieber die ganze Kolumne. Die Schelte käme natürlich nicht von jenen knapp 50 Prozent der italienischen Wähler, die sich am Wochenende in der Wahlkabine für die extreme und nationale Rechte entschieden haben. Die Schelte käme von vereinzelten, sich als linksdemokratisch bezeichnenden Italienerinnen und Italienern, die trotzdem der Meinung sind, dass man sich als Nicht­italienerin nicht zu Italien äußern dürfe, ganz egal, ob man in dem Land gelebt hat, die Sprache spricht, die politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte beobachtet hat oder nicht

So soll Europa klappen? Tatsächlich wird dieser Kontinent mitunter immer noch gern extrem national gedacht, nicht nur von Extremnationalisten. Wir sind nur so sehr Europäer und Europäerinnen, wie ein Truthahn auch Geflügel ist. Will er sich zu Perlhühnern äußern, wird ihm das Wort abgeschnitten.

Um eins klar zu stellen: Ich bin keine Kulturpessimistin. Ich habe mich in den letzten Wochen als Rundumpessimistin gegeben, und zwar nicht nur, weil ich derzeit vieles als den Pessimismus anregend erlebe. Ich bin es auch schlicht deshalb, weil ich in dem leichtfertigen Daueroptimismus der jüngeren Vergangenheit, der sich zwischen lustiger Verantwortungsmüdigkeit und bequemer Gleichgültigkeit gut eingerichtet hatte, eine der Grundvoraussetzungen für die derzeitige politische Situation vermute.

„Es ist ja noch mal gut gegangen.“ Das ist der Satz meines bisherigen politischen Lebens – nicht, weil ich ihn so oft gesagt hätte oder er in irgendeiner Hinsicht richtig wäre, sondern weil er der Satz ist, mit dem man, solange ich denken kann, also etwa dreieinhalb Jahrzehnte, die Entwicklungen kommentierte, voraussagte, abschloss. Dieser Satz, den man vor alles Mögliche – Leitartikel, Meinungsäußerungen, unmutige Träume – stellen konnte, fasst recht schlicht zusammen, was schiefgelaufen ist in den letzten Jahren, Jahrzehnten, in denen natürlich bei Weitem nicht alles noch mal und auch nicht zum ersten Mal gut gegangen ist. Der Satz ist in so einem erheblichen Maße trügerisch, wie es am Morgen nach der Wahl Donald Trumps, am Morgen nach dem Brexit-Referendum noch überhaupt nicht abzusehen war. Oder doch, abzusehen war es, man hatte nur keine Lust.

Es ist ein Satz, der das Gefühl vermittelte, dass nichts wirklich nötig ist, dafür vieles möglich, von Apathie bis Rebellion, so richtig ändert sich ohnehin nichts. Nostalgie nach ebendieser Zeit hat auch einen Hauch von Regression, die Rückkehr ins Bequeme und Sichere, in eine Zeit ohne wirkliche Verantwortung, auf die riesige Spielwiese, in der man rumtoben konnte, in die nicht endende Kindheit. Und weil ja alles Schöne sowieso nicht enden muss, hört man auch mit Ende dreißig noch total gern Drei Fragezeichen und kauft in einer Boutique in Prenzlauer Berg überteuerte Seifenblasenröhrchen, die nicht etwa für den quengelnden Nachwuchs gedacht sind, denn der ist ja grad beim Kinderyoga, sondern für einen selbst.

Dieser Alltag stand auch deshalb so sicher da, weil er meist an den Grenzen des eigenen Gartenzauns endete. Natürlich war der leichtfertige Daueroptimismus von vornherein ein Trugschluss, aber das Bemerkenswerte ist, dass wir, auch wenn wir diesen Trugschluss intellektuell einsehen, unser Gefühl dazu so viel schwerer ändern können.

Es gab und gibt noch immer auch eine leichte Revolutionslust, eine Zerstörungswut aus diesem sehr bequemen, unverrückbaren Alltag heraus oder schlicht ein ironisches Nichternstnehmen von allem. Wählen? Ja klar, Rimbaud, dieses Jahr Rimbaud. Oder doch lieber Victor Hugo? Repräsentative Demokratie gesehen als ein abgekartetes Gesellschaftsspiel, an dem man, weil man ja klüger, mindestens mutiger ist, nicht teilnimmt. Die Abstinenz als hinreichende politische Aussage. Der Frage, wie oft die Systemablehnung von links tatsächlich konstruktiv durchdacht ist, kann man noch jene hinterherschicken: Was dann? Rückzug in die Kunst, in die Literatur, in die Kritik? Ab­heben vom Boden in einer riesigen ironischen Seifenblase? Da, wo der Optimismus sich zum Utopischen hin öffnen könnte, kippt er noch viel einfacher in Eskapismus um.

Da, wo der Optimismus sich zum Utopischen hin öffnen könnte, kippt er noch viel einfacher in Eskapismus um

Natürlich, dem utopischen Denken selbst haftet ja etwas Eskapistisches an, es ist immer ein Spiel mit Phantasmen, irrealen Vorstellungen, mit einer Zukunft, die man selbst vermutlich nicht erleben wird, und natürlich kann man, wenn man es bequem haben will, sowieso wieder dem bösen Neoliberalismus die Schuld an allem in die Schuhe schieben, hat dieser doch spätestens in den Neunzigern mit dem Toyota-Werbeslogan „Nichts ist unmöglich“ den utopischen Optimismus aufgekauft und zu einer leeren Dauerschleife gemacht. Vielleicht bleibt als Antwort, als Gegenrede ja wirklich nur der Satz, den Jim Jarmusch den Hilfssheriff in seinem neuen Zombiefilm „The Dead Don’t Die“ ständig wiederholen lässt: „Das wird nicht gut ausgehen.“ Was er damit meint, wird er von seinem Vorgesetzten gefragt, doch eine Antwort bleibt er schuldig, bis Jarmusch es am Ende auf einer Metaebene auflöst.

Also doch lieber die leere Seite? Zwischen Meta­pessimismus und Seifenblasenoptimismus kann man sich aber noch für etwas anderes entscheiden, und die Wahl von Victor Hugo ist dabei so absurd nicht. „Un jour viendra“, hat er vor 160 Jahren als Redner bei der Friedenskonferenz prophezeit und das utopische Bild eines friedlichen, gemeinschaftlichen Kontinents gezeichnet. Man kann einwenden, dass es gerade so dann erst einmal nicht gekommen ist. Man kann so einen Glauben an das utopische Entwerfen auch schlicht sonntagsrednerisch und albern finden. Aber ehe man direkt zur Traueranzeige übergeht, wäre es noch mal einen Versuch wert.