american pie

Der geniale Eigenbrötler

Kawhi Leonard sichert den Toronto Raptors den Einzug ins NBA-Halbfinale gegen die Milwaukee Bucks.
Der 27-jährige Defensivspezialist zählt ohnehin zu den brillantesten Spielern dieser Basketballsaison

Einmal, zweimal, dreimal, schließlich ein viertes Mal dotzte der Basketball auf dem Ring, bis er sich doch noch entschloss, den Weg durch die Reuse anzutreten. Das Tänzchen des Balles auf dem Korb, zweimal rechts, zweimal links, dauerte kaum eine Sekunde, aber erschien wie eine Ewigkeit und machte Kawhi Leonard zum Helden. War es doch sein Wurf, der das letzte und entscheidende Spiel einer hart umkämpften Best-of-Seven-Serie in letzter Sekunde entschied. Der Rest waren staunend offen stehende Münder, aufgerissene Augen, freudetrunkene Menschentrauben, todtraurige Verlierer, ein hysterisches Chaos, von dem selbst der legendär stoische Leonard mitgerissen wurde.

Nur ein paar Minuten später war Kawhi Leonard schon wieder ganz er selbst. „Gut“ fühle es sich an, dass ihm der sensationelle Wurf gelungen war, der seinen Toronto Raptors den Erfolg gegen die Philadelphia 76ers und einen Platz im heute Nacht beginnenden NBA-Halbfinale gegen die Milwaukee Bucks beschert hatte. Das gab er immerhin zu – und verzog ansonsten keine Miene, schließlich habe man den siegbringenden Spielzug oft genug im Training geübt.

Äh, ja. So ist er halt: 27 Jahre alt, geboren in Los Angeles, lange tätig als Profi im Aufmerksamkeitsghetto San Antonio, aktuell im auch nicht allzu glamouröseren Toronto, und aktuell womöglich der beste Basketballspieler des Planeten, da streiten sich die Experten noch. Sicher ist allerdings: Leo­nard ist garantiert der stoffeligste, gleichmütigste und ödeste Superstar, den der Basketballsport jemals gesehen hat.

Schon in San Antonio, wo Trainer Gregg Popovich und Vorzeigeprofi Tim Duncan mit harter Hand und allergrößter Verachtung für jede Art von Star-Allüren der langweiligsten Erfolgssträhne in der NBA-Geschichte vorstanden, war der schüchterne Leonard nur mit herausragenden Leistungen aufgefallen: Besser als in der Offensive, wo er mit provozierender Lässigkeit und Zuverlässigkeit punktet, ist er noch in der Defensive – schon zwei Mal wurde er zum herausragenden Verteidiger der NBA gewählt.

Doch während andere NBA-Stars mit farbenfrohen (James Harden) oder extravagant gemusterten Anzügen (Russell Westbrook) auffallen, mit seltsamem Social-Media-Verhalten (Kevin Durant) oder als angehender Entertainment-Mogul (LeBron James) Schlagzeilen verursachen, äußert sich Leonard zu nichts. Oder nur, wenn er unbedingt muss, und dann nur zu Basketball. Leonard besitzt weder einen Twitter- noch einen Facebook- oder Instagram-Account. Er gibt keine Interviews und im aktuellen Clip des Sportartikelhersteller, der ihn unter Vertrag hat, legt Leonard den Finger auf die verschlossenen Lippen, gefolgt vom Slogan: „Sein Spiel spricht für sich.“

Die Raptors-Fans haben Leo­nard dennoch in ihr Herz geschlossen. Denn erstens verirren sich wegen des schwachen kanadischen Dollars, der hohen Steuern und niedrigen Temperaturen eh nicht viele herausragende Basketballer nach Toronto. Und zweitens erinnert Leonard den Kanadier an die Helden seiner Nationalsportart Eishockey. Auch den knorrigen Typen dort ist es verboten, die eigene Leistung zu feiern, sonst landet man beim nächsten Mal mit dem Kopf an der Bande.

Da ist es umso tragischer, dass diese Saison womöglich die erste und auch letzte von Leonard in Toronto gewesen sein könnte. Nachdem er letzte Spielzeit nur neun Spiele für die San Antiono Spurs absolvieren konnte und es wegen des Umgangs mit seinen Verletzungen zu Unstimmigkeiten gekommen war, verhökerten die Spurs ihren stillen, aber auch als stur und eigenbrötlerisch geltenden Star nach Toronto. „Das war ein schlimmes Jahr“, erinnert sich Leonard. „Aber Gott ist gut. Und ich habe ja auch jeden Tag gebetet.“

Nun läuft sein Vertrag aus, und es wird damit gerechnet, dass er zurück in seine Heimat Los Angeles will, zu den Lakers oder den Clippers. Aber in Toronto beten sie, dass Kawhi Leon­ard noch seltsamer ist, als gedacht und das tut, was noch nie ein NBA-Superstar gemacht hat: freiwillig in Kanada anheuern. Aber man weiß es nicht. Er sagt ja nix. Thomas Winkler