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Reif zum Weichenstellen

Die Minnesota Twins setzen zum Saisonstartmehr auf den deutschen Baseballprofi Max Kepler

Wenn es einem Sportverein gelingt, einen seiner vielversprechendsten Angestellten längerfristig zu verpflichten, dann wird eine kleine Pressekonferenz organisiert, auf welcher der vielversprechende Angestellte sich höflich für die längerfristige Verpflichtung bedankt. So war es auch Mitte Februar, als die Minnesota Twins der Baseball-Welt mitteilten, dass sie Max Kepler mit einem neuen Fünfjahresvertrag ausgestattet hatten.

Die Pressekonferenz verlief, wie man es erwarten durfte. Kepler, akkurat gebügeltes graues Hemd und brav frisierter Seitenscheitel, bedankte sich artig, bekundete seine Vorfreude auf die neue Saison und versprach, dass ihn die 35 Millionen Dollar, die er in den kommenden fünf Jahren verdienen wird, nicht verändern werden. „Ich werde genauso hart weiterarbeiten wie bisher.“ Aber einen seltsamen Moment gab es dann doch, als Kepler in vollkommen akzentfreiem, aber auch weitgehend emotionslosem Englisch sagte: „Hätte mein Agent nicht aufgepasst, dann hätte ich womöglich auch für das Mindestgehalt unterzeichnet.“ Das anschließende Gelächter der anwesenden Journalisten verwandelte sich schnell in eine Art ungläubiges, fast peinlich berührtes Gekicher.

Ein paar Wochen später unterschrieb Manny Machado bei den San Diego Padres für 30 Millionen. Allerdings: pro Jahr. Der 26-Jährige aus Florida ist sicherlich ein sehr guter Spieler, ein besserer als der gleichaltrige Kepler, aber fünf Mal so gut? Kepler ist jedenfalls ein Schnäppchen, er hätte sicher anderswo einen besser dotierten Vertrag bekommen. Aber er ist seit bald zehn Jahren in den USA, die Twins hatten unglaubliche 700.000 Dollar Handgeld für die Unterschrift des damals 16-Jährigen gezahlt, und nun scheint in Minnesota tatsächlich eine Mannschaft zusammenzuwachsen, die demnächst etwas gewinnen könnte.

Kepler gehört zu einem Kern von Talenten, die der lange in der Mittelmäßigkeit dümpelnde Klub über die Jahre mühevoll entwickelt hat. Am Schluss der vergangenen, enttäuschend verlaufenen Saison wurde nicht nur der langjährige, aber eher glücklos agierende Cheftrainer Paul Molitor gefeuert. Schon vorher, als die Chance, die Play-offs zu erreichen, verspielt war, hatte man ein paar verdiente, ältere Spieler abgegeben. Mit dem frei gewordenen Geld wurden in den letzten Monaten nicht nur Kepler, sondern auch andere Spieler längerfristig gebunden und ein paar gestandene Profis verpflichtet. Die Twins wollen gewinnen – und zwar möglichst bald.

Der in Berlin aufgewachsene Kepler wird in seinem vierten Jahr in den Major Leagues eine größere Rolle zugewiesen bekommen. Der neue Trainer Rocco Baldelli stellt ihn nicht nur im Outfield auf, sondern auch als Leadoff-Man. Das bedeutet, Kepler wird als erster seines Teams ans Schlagmal treten – und damit die Weichen stellen, wie das Spiel laufen wird. Die Statistiker haben ausgerechnet, dass Keplers bisherige Werte nicht optimal sind für die neue Aufgabe. Baldelli setzt indes auf das Potential von Kepler, das er aus seiner Sicht bei Weitem nicht ausgeschöpft hat. „Er ist noch lange nicht der Schlagmann, der er sein kann“, sagt der Trainer. „Weil er in Deutschland aufgewachsen ist, hat er bei Weitem nicht so viel Baseball gespielt wie ein Junge aus Kalifornien oder Texas oder Florida. Er wird als Schlagmann vermutlich später erwachsen als andere.“

Kepler habe den Wechsel, sagt Baldelli, „sehr gut angenommen“. Kepler sagt, die Aufgabe habe „ein kleines Feuer in mir entzündet“. Ein sanftes Schwelen, das muss ausreichen, findet der unheimlich ruhig und abgeklärt wirkende Kepler, der somit perfekte Charaktereigenschaften für die lange, 162 Spiele währende Saison mitbringt.

Am Donnerstag startet dieser Marathon, so früh wie nie zuvor beginnt die Major-League-Saison. Um drei Uhr nachmittags erwarten die Twins die Cleveland Indians zum Saisonauftakt im Target Field zu Minneapolis. Zehn Grad Celsius sagen die Meteorologen voraus, der Sommer hat noch nicht so richtig begonnen in Minnesota. Wenn er beginnt, könnte es der Sommer von Max Kepler werden. Thomas Winkler