heute in bremen

„Feiern, was wir geschafft haben“

Foto: wikimedia

Sven Giegold, 49, ist Mitbegründer von Attac Deutschland und Abgeordneter der Grünen im Europäischen Parlament.

Interview Klaus Wolschner

taz: Herr Giegold, was haben Sie gegen Ulrike Guérots Forderung nach einer Kampagne für eine „Republik Europa“?

Sven Giegold: In der Zielvorstellung teile ich ihre Vision. Der Begriff ist ganz großartig, weil er in der europäischen Tradition liegt und eine gute Alternative ist zu „Bundesstaat“ oder „Vereinigte Staaten“ von Europa. Das Problem ist natürlich, wie wollen wir die Menschen in einer Phase der heftigen Kritik an Europa davon überzeugen, dass jetzt ein mutiger großer Schritt erforderlich ist? Nur wenn wir mit Verve das feiern, was wir geschafft haben, können wir den nächsten Schritt unternehmen.

Das ist die Frage wie mit dem Sozialismus: Wir werden das nicht mehr erleben …

Wie eine europäische Republik funktionieren könnte, kann ich mir vorstellen. Das ist eine in sich schlüssige Idee. Beim Sozialismus haben wir bisher keine Vorstellung, wie man Gleichheit und den gemeinsamen Besitz an Produktionsmitteln vereinbaren könnte mit persönlicher Freiheit und Effizienz. In den nächsten 20 Jahren haben wir große Schritte in Richtung eines gemeinsamen Europa vor uns. China, Indien, die Vereinigten Staaten werden mächtiger und handlungsfähiger. Wenn Europa da mithalten will, muss es sich entwickeln.

Ulrike Guérot sagt, derzeit erscheine Europa als morscher Balken …

Streitgespräch „Europa-Quartett“ mit Ulrike Guérot und Sven Giegold. Sonntag, 11 Uhr, „Noon“ im Kleinen Haus des Theaters am Goetheplatz

Europa hat 70 Jahre Frieden garantiert. Trotz aller Schwierigkeiten haben wir sehr viel für den Verbraucher- und Umweltschutz und für die rechtliche Annäherung geschafft. Wie kann man das als morschen Balken beschreiben, wenn man darauf eine Europäische Republik gründen will? Wir müssen das, was wir geschafft haben, mit Stolz beschreiben, dann können wir erwarten, dass die Menschen den nächsten Schritt mitgehen.

Wie können sich die guten Nachrichten über Europa auch in national ausgerichteten Medien durchsetzen?

Es ist nicht die Aufgabe von Medien, Beifall zu klatschen. Wir haben natürlich das Pro­blem einer mangelnden europäischen Öffentlichkeit. Johannes Hillje hat zum Beispiel eine europäische Internetplattform vorgeschlagen, die die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten einschließt. Wir brauchen mehr europäische Öffentlichkeit.