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Zum 90.: Müllers Endlosroman

BÖSER MORGEN SCHWERE STUNDE Frühnebel über dem Chiemsee. Dissonante Vogelgeräusche. DIE VERBORGENE HARMONIE IST STÄRKER ALS DIE OFFENBARE, sagte der vierzehnte Evangelist. Auf der Terrasse seiner bescheiden betonierten Skihütte saß in Ledershorts, vor seinem ersten Bier nach dem Kathreiner, denkend der kleine Diktator, tief katholisch GOTT SIEHT DIE AMEISE UNTER DEM STEIN in die Lektüre einer subversiven Schrift vertieft …

Mit diesen Zeilen begann vor über 30 Jahren ein einzigartiges taz-Experiment: eine komplette Ausgabe als „Endlosroman der aus dem Ticker kam“, geschrieben nicht von JournalistInnen, sondern von 30 SchriftstellerInnen. Einer von ihnen – und aus seiner Feder stammt auch obiger Romanbeginn – war Heiner Müller, einer der profiliertesten Dramaturgen und Lyriker der DDR. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Im Oktober 1987 übernahm er für drei Tage die Produktion der taz, zusammen mit Gabriele Goettle und Hans-Magnus Enzensberger als ChefInnen vom Dienst in der Nachrichtenredaktion und den späteren Literatur-Nobelpreisträgerinnen Elfriede Jellinek und Herta Müller sowie vielen weiteren prominenten LiteratInnen in den einzelnen Ressorts der Zeitung.

Weil keiner außer dem damals 77-jährigen Erich Kuby je in einer Tageszeitung gearbeitet hatte, war es ein kleines Wunder, dass an den ersten beiden Tagen tatsächlich zwei komplette aktuelle Zeitungen erschienen. Und natürlich der „Endlosroman“ am dritten Tag.

Mathias Bröckers

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