heute in hamburg

„Eine jüdische Antwort auf die Moderne“

Foto: Peter Garten

Miriam Rürup, 45, leitet seit 2012 das Institut für die Geschichte der deutschen Juden. Sie hat Geschichte, Soziologie und Europäische Ethnologie studiert.

Interview Alexander Diehl

taz: Frau Rürup, Ihr Institut lädt zur „Weihnukka“-Feier ein. Nur cleverer Wortwitz?

Miriam Rürup: Es ist erst mal Wortwitz, weil ja zwei Worte zusammengezogen werden: Weihnachten und Chanukka …

… also ein christliches und ein jüdisches Fest, die terminlich nahe beieinander liegen …

… aber es steckt deutlich mehr dahinter. Weihnachten steht in dem Wort ja zuerst; es heißt eben nicht „Channachten“. Das hängt damit zusammen, dass Jüdinnen und Juden so assimiliert waren und so sehr Teil der deutschen Gesellschaft, dass Weihnachten für sie zunehmend bedeutend wurde; nicht unbedingt als christliches Fest, aber als Ereignis.

Wann war das?

Zum Teil schon in der Weimarer Repu­blik, das ist also keine neue Erfindung. Jüdinnen und Juden, die strenger gläubig sind, finden so eine spielerische Verbindung von etwas Christlichem mit etwas Jüdischem nicht akzeptabel. Weihnukka ist innerjüdisch durchaus umstritten.

War Ihnen klar, dass es auch eine Provokation bedeutet, dieses Fest zu feiern?

Wir sind ja kein religiöses, sondern ein Forschungsinstitut. Da passt es durchaus, zu sagen: Wir schauen uns an, was es für jüdische Antworten auf die Moderne gibt – und so eine ist Weihnukka; in Weimarer Zeiten, aber heute immer noch. Wieso soll man das nicht zur Geltung bringen? Wir feiern es ja weder in jüdischem noch in christlichem Sinne religiös: Wir zünden keine Kerzen an, weder einen Adventskranz noch eine Chanukkia. Es war mir also durchaus bewusst: Damit beleuchten wir einen Aspekt, der letztlich für die Vielfalt innerhalb des Judentums steht.

Weihnukka-Abend (mit Lesung von Michael Göring, „Hotel Dellbrück“): 18 Uhr, Institut für die Geschichte der deutschen Juden, Beim Schlump 83, Eintritt frei

Seit wann feiern Sie am Institut eigentlich schon Weihnukka?

Es ist das siebte Mal: Ich selbst bin seit 2012 am Institut. Die Idee habe ich aus den USA mitgebracht und zum Glück sind alle begeistert aufgesprungen. Mir hatte in Washington eine Idee so gut gefallen, die noch gar nichts mit Weihnukka zu tun hatte: Einmal im Jahr stellte in Buchläden die gesamte Belegschaft ihre Lieblinge vor. Das fand ich eine schöne Sache: Mal alle zu sehen zu bekommen, nicht bloß immer den, der jeweils einen Vortrag hält.

Im Mittelpunkt stehen nun „Bücher mit jüdischen Themen“. Was empfehlen Sie selbst?

In diesem Jahr das Buch von Michael Brenner, „Israel – Traum und Wirklichkeit des jüdischen Staates“: Darin beschreibt er sehr verständlich 120 Jahre Geschichte – von der Idee einer Staatsgründung über diese bis hin zu all den Konflikten. Er vermittelt Menschen Grundwissen, bietet aber auch denen, die sich schon auskennen, noch etwas Neues.