Gunnar Hinck über den Warnstreik bei der Bahn

Ende der Kumpanei

Gut möglich, dass Sie beim Kürzel EVG bislang an eine Versicherung oder eine rätselhafte IT-Abkürzung dachten. Spätestens seit Montag wissen Sie, zumindest als Bahn­fah­rer*in: Die EVG ist eine Eisenbahngewerkschaft, die den Berufsverkehr auf Schienen ziemlich wirkungsvoll lahmlegen kann. Die EVG ist die größere, aber leisere Gewerkschaft der Bahnbranche. Als laut und streiklustig ist bislang nur die halb so große GDL mit ihrem medial talentierten Vorsitzenden Claus Weselsky aufgefallen.

EVG – das waren bislang die vermeintlich braven Gewerkschafter unter dem Dach des DGB. Der Chef der Vorgängerorganisation Transnet, Norbert Hansen, war es, der einst das Image der lauen Gewerkschaft prägte, der im Zweifel falsche Kumpanei mit den Arbeitgebern lieber ist als klare Kante. 2008 wechselte er nahtlos vom Gewerkschafts-Chefposten in den Bahn-Vorstand. Die von der EVG wollen nun zeigen, dass auch sie Streik können. Seit ihrer Gründung 2010 hatten sie noch zu keinem einzigen Arbeitskampf aufgerufen – bis zum Montag. EVG und GDL buhlen um die gleiche Klientel, da will man möglichst viel für die Mitglieder herausschlagen. Die Verhandler aufseiten der Bahn hatten die Option Warnstreik, so hört man, nicht einkalkuliert. Wohingegen die Gewerkschaft die Zahlen auf ihrer Seite hat: Der Staatskonzern macht Milliardengewinne, und die tief greifenden Probleme der Bahn liegen nicht darin, dass entfesselte Gewerkschaften die Existenz des Unternehmens gefährden.

Der Konflikt zeigt auch, dass Tarifverhandlungen komplexer geworden sind. Es geht nicht mehr allein ums Geld. Die EVG will ihr Wahlmodell weiterdrehen: Mehr Freizeit oder mehr Geld. Überraschend viele Beschäftigte votierten nach dem vorigen Tarifabschluss für mehr Freizeit. Infolgedessen fehlt es bei der Bahn an allen Ecken an Mitarbeiter*innen. Dass die Bahn nicht in der Lage ist, ihren Personalbedarf vernünftig zu planen, ist die eigentlich beunruhigende Nachricht. Und nicht die Angriffslust der EVG.

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