Katrin Seddig
Fremd und befremdlich

Religiöse Kleidung sollen raus aus den Gerichten. Das Kreuz an der Wand bleibt

Foto: Lou Probsthayn

Katrin Seddig ist Schrift-stellerin in Hamburg mit einem besonderen Interesse am Fremden im Eigenen. Ihr jüngster Roman „Das Dorf“ ist bei Rowohlt Berlin erschienen.

Am Sonntag war ich in einer Kirche bei einem Chorkonzert. Chöre machen mich fertig. Ich weiß nicht warum. Kirchen berühren mich auch. Kirche und Chor zusammen, da breche ich emotional zusammen. Es war allerdings ein sehr guter Chor. Was ich eigentlich sagen will, ich habe nichts gegen Kirchen und sogar auch nichts gegen Religion, wenn sie mir nicht in die Quere kommt. Und oft genug habe ich mir eine Religion gewünscht. Es wäre vieles einfacher. Manchmal verspüre ich direkt eine Sehnsucht nach Religion. Aber es nützt nichts. Ich kann nicht glauben. Ich verstehe also die Sehnsucht nach Gott, aber ich verstehe nicht, wie es Menschen möglich ist, zu glauben. Da ist die Grenze. Da kann ich nicht drüber gehen.

Die Frage ist, ob Menschen, die den Staat repräsentieren, RichterInnen etwa, sich zu ihrer Religion in Form von Kleidung bekennen dürfen. Es geht um einen Entwurf für ein Gesetz des niedersächsischen Justizministeriums. Sie sollen das eben nicht dürfen, denn sie repräsentieren ja den neutralen Staat. Die Sache ist nur die, betroffen davon sind in erster Linie Muslime und Juden. Denn für den Christen gibt es kein Kleidungsgebot.

Da könnte jetzt einer von den Schlauen sagen, so eine Vorschrift gebe es, genaugenommen, für die Muslimin, auch nicht. Aber darüber muss man nicht diskutieren. Es ist eine religiöse Sitte, die eine Wichtigkeit besitzt. Solch ein Gesetz bedeutet also für den Juden und die Muslimin eine andere Härte, als für die Christen. Die muslimische Beamtin müsste sich, wenn sie eine bestimmte Laufbahn beschreiten möchte, gegen die Regeln ihrer Religion entscheiden. Es wird damit, wie auch bereits kritisiert, der Muslimin der Schritt in die Unabhängigkeit eines Berufes, wie der einer Richterin, erschwert. Einer Muslimin, der es unmöglich ist, ihr Kopftuch zumindest während der Arbeitszeit abzulegen, wäre es nicht mehr möglich, diese Art von Arbeit auszuüben. Und das muss man mit bedenken, wenn man solch ein Gesetz erlässt.

Ich halte es dennoch für richtig. Es wird Frauen geben, die aus diesen Gründen nicht mehr diesen Weg wählen. Aber es wird eine neue Generation heranwachsen, der ihre Karriere wichtiger ist, als diese Vorschrift. Und das ist Emanzipation. Dass die Frau sich (auch) von diesem Zwang befreit. Dass sie ihr Kopftuch trägt, außerhalb der Arbeit, oder vielleicht ganz darauf verzichtet. Es stehen sich zwei Werte gegenüber: Das Recht auf Religion und die weltanschauliche Neutralität des Staates. Das Recht auf Ausübung der eigenen Religion wird niemandem bestritten, aber wenn sich diese Religion mit den Pflichten der eigenen Arbeitswelt nicht verträgt, dann, so meine ich, kann dieser Beruf halt nicht ausgeübt werden. Ein Mensch, der Tiere nicht töten darf, aufgrund seiner Religion, kann nicht Schlachter werden. Die nach außen getragene weltanschauliche Neutralität einer staatlichen Einrichtung, gerade die eines Gerichtes, halte ich für wichtig. Man stelle sich vor, ein muslimisches Mädchen ohne Kopftuch stünde einer muslimischen Richterin mit Kopftuch im Gericht gegenüber. Solche indirekten religiösen Botschaften haben in einem Gericht nichts zu suchen.

Das Gesetz benachteiligt nur die einen und scheißt auf die Neutralität des Staates

Nachdem ich also festgestellt habe, dass die christlichen Beamten in deutschen Gerichten bei so einem Gesetz nichts zu verlieren haben, da es keine Kleidungsvorschriften für Christen gibt, betrachten wir die Kreuze, die in manchem Gericht an der Wand angebracht sind. Und da ist man, trotz allem, der Meinung, dass die hängen bleiben sollen. Welcher Muslimin, die ihr Kopftuch abnehmen soll, will man das überzeugend erklären? Mit welcher Begründung verbannt man alle außer den christlichen Symbolen? Vor Gericht ist man nicht Gott verpflichtet, sondern ganz allein dem Staat und seinen Gesetzen. Gott kann das ja anders sehen. Wenn das aber so ist, wenn das tatsächlich so bestimmt wird, dann halte ich das Gesetz für falsch und ungerecht. Dann benachteiligt es nur die einen und scheißt im Übrigen auf die Neutralität des Staates.