Warten auf Shakira

Helena und Sören sind schon lange ein Paar. Jetzt kommt ein Kind. Nicht nur die beiden bereiten sich darauf vor, die ganze WG ist mit dabei

Helena und Sören: Man kann nur zusammen an den Dingen arbeiten, die einen trennen, sagen sie

Von Ann Esswein
(Text) und Felie Zernack (Fotos)

Helena Brinkmann erwartet ein Kind. Es soll in ihrer WG in einem Villen­viertel von Bremen aufwachsen. Auch beim Namen dürfen alle ihre Mitbewohner mitsprechen.

Draußen: Im Bremer Vorort Schwachhausen leben Psychologen und Ärzte, so steht es auf den Klingelschildern. Ein paar Radfahrer fahren im Slalom an Verkehrsinseln vorbei durch die Straße. Villa an Villa, hier und da ein charmanter Wintergarten, es riecht nach Jasmin. Eine mit Gras überwachsene Einfahrt führt zu dem Backsteinhaus. Auf Notizblockpapier stehen die Namen der sieben neuen Bewohner, sie sind mit Tesa in Palmenmuster befestigt. „Ihr könntet lauter sein“, sagten die Nachbarn beim Einzug.

Drinnen: Im Flur riecht es noch nach dem Abschleifen der Treppendielen, Sie winden sich bis in den dritten Stock. Das Geländer ist so geblieben, abgegriffen. Auch der Vorbesitzer war Psychologe. 44 Schuhpaare stehen im Flur, von dort geht es ins Wohnzimmer. Ein Beamer projiziert das Gemälde der Mona Lisa an die Wand. Es riecht nach gebratenen Zwiebeln. Feierabendgespräche säuseln aus der Küche. Dort: Rotwein im ­Tetra Pak, Kräuter in Plastiktöpfen, ein WG-Kalender hängt an der Wand.

Die WG: „Wir haben es eben auch verdient“, sagt Helena, 29, blonde Locken, goldenes Nasenpiercing und Bernsteinkette. Kaum einer der sechs Mitbewohner hätte sich vorstellen können, mal in einem Villenviertel zu wohnen. Sie kennen sich von früheren WGs, derselben Tischreihe in der Ausbildung oder von Partys, sie genießen neben Techno immer mehr die Ruhe. Nur ab und zu organisieren sie heute noch Kellerpartys. Zwei Klos, zwei Bäder, anders sei es gar nicht möglich, sagt Helena und schwenkt Tofu­würfel in einer Pfanne: „Ich hatte meine Kotzphase Anfang des Jahres.“ Sie lächelt, ihr Bauch spannt sich unter dem schwarzen T-Shirt.

Zuwachs: In wenigen Wochen ist es so weit: Die WG bekommt Nachwuchs. Irgendwann zwischen Einzug und Silvester sei das Kind entstanden, es war geplant und gleichzeitig eine Überraschung. An dem langgezogenen Esstisch im Wohnzimmer geht es seitdem um Fragen, wie und wo das Kind schlafen wird, ob es vegetarisch aufwachsen und wie es heißen soll: „Wir wollen, dass das Kind ­Shakira heißt.“ Damit man in der Kita laut „Shakira, Shakira“ rufen könne, die Mitbewohner lachen. Helenas Schwangerschaft ist gleichzeitig Alltag und Ausnahmezustand.

Die Odyssee ist vorbei: Sören, der Papa, wohnt einen Stock über Helena. Seit elf Jahren sind sie ein Paar. Dreimal wohnten sie schon in WGs zusammen, immer aber in getrennten Zimmern, erzählt Sören. Gemeinsam sitzen sie auf Helenas Bett, über ihnen baumelt ein Traumfänger, im Regal stehen nach Farben sortierte Bücher, die Pampers lagern schon im Regal. Diese Station soll ihre letzte sein. „Wir leben aus ganz egoistischen Gründen in einer WG“, sagt Sören, und Helena zupft an ihrer bunten Flatterhose: „Auch um als Kleinfamilie nicht zu vereinsamen.“ Sören erzählt mit verschränkten Armen, er sei in einem Landhaus mit zwei „eher links orientierten“ Familien und ein paar Single-Eltern aufgewachsen: „Ich bin mir sicher, nur zu zweit, das tut einer Beziehung nicht gut“.

Der Garten hinterm Haus. Schwach­hausen ist ein Vorort von Bremen mit vielen Villen

Liebe: Mit 16 lernen sich Helena und Sören kennen. Gemeinsam gehen sie in die 12b der Regenbogenschule, wo „Lehrer mehr kiffen als die Eltern“. Ihre Pubertät spielt sich gemeinsam ab, in einer Kleinstadt, zwischen Busbahnhöfen, der einzigen Ampelkreuzung und dem Freibad. Als Helena mit ihrem bisherigen Freund „ordnungsgemäß“ Schluss macht, beginnt etwas, was sie damals als Flirten begreifen: Sie teilen Pausenbrote auf dem Fenstersims der Schule und unterhalten sich nächtelange per ICQ-Chat. Nach drei Monaten küssen sie sich das erste Mal, es war eine Jägermeister-Promoveranstaltung im mexikanischen Restaurant, die das Ganze vereinfachte.

Zusammen und getrennt: Nach dem Abitur gehen die beiden erst einmal getrennte Wege: Helena wechselt für eine Ausbildung zur Fotografin die Kleinstadt, arbeitet 40 Stunden die Woche, „verkümmert sozial“ und hält die Uni für einen Kleinkinderverein, ein Leben, für das sich Sören gerade entschieden hat. Er lebt nun in Dortmund und studiert Sonderpädagogik. Nicht die Entfernungen trennen sie zwischen den vielen nächsten Ortsveränderungen, sondern die verschiedenen Lebenswelten, sagt Helena, während sie zurückblickt. „Eigene“, „deine“ und „meine Freunde“ waren immer wichtige Dis­kussionspunkte: „Wenn wir nach dem Abi zusammengezogen wären, wären wir heute nicht mehr zusammen“, sagt Helena und knetet ihre Handflächen.

Eine wichtige Krise: Auf Helenas Schreibtisch steht ein Stiftehalter in Form eines VW-Busses. Mit dem richtigen, dem roten Camper, der vor der Villa parkt, sind sie sechs Wochen nach Marokko gefahren. Es war das siebte Jahr ihrer Beziehung und die größte Krise. „Plötzlich waren wir nicht mehr symbiotisch.“ Draußen wechseln sich Sonne und Wolken ab, spiegeln sich in ihren Brillengläsern, während sie beide auf dem Bett sitzend feststellen: Ohne den Urlaub wären sie vielleicht nicht mehr zusammen. Man könne nur, während man zusammen ist, an den Dingen arbeiten, die einen trennen. Im Laufe ihrer Beziehung seien sie einfach immer weiter aufeinander zugegangen, sagt Helena und führt ihre offenen Handflächen zueinander: „Jetzt haben wir sogar ein gemeinsames Konto.“

Überraschungen: „Plötzlich sind wir nicht mehr Freund und Freundin, sondern Partner“, das überrascht Helena, sogar nach zehn Jahren Beziehung. Vor einer Weltkarte in Sörens Zimmer erinnern sie sich an eine Wanderung an einem italienischen Steilhang. „Mich überrascht immer wieder Helenas Vorliebe für schwierige Situationen“, sagt Sören. Die Schwangerschaft sei auch wieder so ein Beispiel. „Mutter, das ist ein komisches Wort“, sagt Sören zu Helena, daran müsse er sich noch gewöhnen. Anfang des Jahres habe er auf dem Schreibtischstuhl in seinem Dachgeschosszimmer gesessen, als ein Foto auf WhatsApp in seinem Smart­phone aufleuchtete: der positive Schwangerschaftstest. Helena hätte nicht mit „Herzen im Kalender“ geplant, und trotzdem: „Man muss sich sicher sein, dann passiert es einfach“, sagt er.

Angekommen: „Ich bin angekommen im Leben“, sagt Helena. „Ich kann jetzt auch mal Mutti sein.“ Sie habe genug ausprobiert: Partys, Studieren, Ausland hier, Volontariat da, der erste Job, der Arbeitgeber hat sie auch noch übernommen, ein Aufatmen in der Karriereschleife. „Beziehung hat jetzt mehr Gewicht“, sagt Helena und streicht sich über den Bauch. „Früher war es leicht und damit leichter zu beenden.“ Das gehe jetzt nicht mehr. Verantwortung drängt sich jetzt an die Stelle der Freiheit, über die sie immer gestritten haben.

Gekocht wird selbst­verständlich politisch korrekt

Planen: Vor ein paar Wochen haben sich Sören und Helena auf einen Kompromiss geeinigt: Das erste Mal in ihrem Leben ziehen sie zusammen in ein Zimmer. „Mal schauen, ob das klappt.“ Mehr Raum könnten sie sich nicht leisten. Beide gehen für sechs Monate in Elternzeit, was eine reine Taschenrechnerentscheidung ist. „Ich will das genauso miterleben wie Helena“, sagt Sören.

Familienpolitik: „Väter sollen Väter werden, nicht Wochenendpapas“, sagt Helena. Für sie ist die Gleichung in Deutschland ungerecht: Weniger Geld gleich weniger Zeit für die Kinder. „Warum geht man davon aus, dass die Männer Vollzeit arbeiten?“ Seit sie schwanger ist, bemühen sich die beiden um einen Kitaplatz.

Wenn Shakira da ist: Zum Glück sei die WG da. Ihre Mitbewohner sieht Helena als Art Ersatzfamilie. Anna soll das Kind von der Kita abholen, Jannik zu Mittag Würstchen braten. Alle könnten Bezugspersonen sein. Sörens und Helenas Kind soll entspannt aufwachsen und frei von Konventionen.