Museum Reinickendorf

Museales Schrift-Bild: Kunst als alternative Weltbeschreibung

Elza Javakhishvili, aus dem „Tagebuch # 01“, 2016, Intervention im Schulzimmer Foto: Stefanie Zwisler; Courtesy Museum Reinickendorf

„Försterstube“, „Waschküche“, „Germanisches Gehöft“ – in jedem dieser scheinbar aus der Zeit gefallenen Namen der Innen- und Außenräume im Museum Reinickendorf steckt politische Brisanz. Gemeinsam mit dem „Schulzimmer“ lassen sie an Disziplinierung denken, an Militarisierung von Freizeit, kapitalistische Industrialisierung und „Heimatministerium“. Die Frage des musealen Sammelns zum Zweck der Geschichtsschreibung – in Berlin steht die Dichotomie „kulturhistorisch“ versus „künstlerisch“ dank diverser Interventionen in Bezirksmuseen und Kunstinstitutionen immer häufiger zur Disposition. Aktuell auch in Reinickendorf: Dr. Lily Fürstenow-Khositashvili, die die Gruppenausstellung „Interventionen – Kunst und Geschichte im Dialog“ kuratiert hat, stellt im Garten Hundriesers „Mutter und Kind“ die ephemere Edelstahlskulptur „Windsbraut“ von Axel Anklam gegenüber. Auch das Thema Sprache führte Fürstenow-Khositashvili bewusst ein – als „Art der Weltbeschreibung und des Weltsehens“. Das könnte zunächst die gefiederte Sprache der Vögel meinen, denen Maria-Leena Räihälä Häuser gebaut hat. Aber eben auch den preußischen Zurichtungsapparat Schule. Diesem begegnet Elza Javakhishvili im alten Schulzimmer mit konkreter Poesie. Neben das deutsche Alphabet stellt sie das georgische und verabschiedet die Monolingualität: „Tagebuch # 01“ zeigt eine Reihe minimalistischer graphischer Konstellationen, in deren Innern unterschiedliche Schwünge in einzelnen Buchstaben erkennbar werden: Vielleicht prägt ja selbst das Schriftbild wie Bildung und Vermittlung gesehen und imaginiert werden können. nym

Bis 27. 8., Do.–Mo. 12–19 Uhr, Oranienstr. 25

28. 6., 19 Uhr: Vortrag (auf Englisch) von Judith A. Allen: „The eroticism of data – Alfred C. Kinsey, Sampling, & cultural representations“