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ARD-Reporter bekommt kein Visum für Russland

Der Fußball-WM-Gastgeber verweigert Hajo Seppelt die Einreise, vermutlich weil dieser das russische Staatsdopingsystem aufdeckte: Jetzt sind DFB und Fifa gefragt

Das Neue

Der investigative Sportjournalist Hajo Seppelt darf nicht zur Fußballweltmeisterschaft nach Russland reisen. Das Gastgeberland will zumindest in Seppelts Fall kein Gastgeber sein und hat Seppelts Visum für ungültig erklärt. Der 55-Jährige steht laut der ARD auf einer Liste „unerwünschter Personen“ in Russland. Vom Fußballweltverband Fifa war Seppelt für das Turnier akkreditiert worden. Und eigentlich muss das ausrichtende Land – so verlangt es die Fifa – akkreditierte Journalist*innen auch mit einem Visum versorgen. Eigentlich.

Der Kontext

Seppelt dürfte der in Russland meistgehasste Sportjournalist sein. Bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro stand er bereits unter Personenschutz: zu groß die Angst vor Rache. Denn zuvor hatte Seppelt Russlands Staatsdopingsystem aufgedeckt, was zum Ausschluss von mehr als 100 russischen Athlet*innen führte. Seppelts „Geheimsache Doping“-Filme, die in der ARD liefen, sorgten auch dafür, dass die russischen Athleten bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang in diesem Jahr unter neutraler Flagge und dem Teamnamen „Olympische Athleten aus Russland“ starten mussten.

Die Reaktionen

Alle empört, manche so richtig, andere eher halbherzig. Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Reinhard Grindel, sagte: „Ich habe volles Vertrauen, dass die Fifa jetzt ihren Einfluss geltend macht, damit Herr Seppelt ungehindert aus Russland berichten kann.“ Mit diesem „vollen Vertrauen“ dürfte er allerdings recht allein sein. Die Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Dagmar Freitag (SPD), findet Russlands Entscheidung jedenfalls „geradezu skandalös“. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen (CDU), forderte im Tagesspiegel, dass die Visumsentscheidung zurückgenommen werden müsse, „sonst entsteht der begründete Verdacht, dass Russland entweder etwas zu verbergen oder ein Problem mit Transparenz und Fair Play im Sport hat oder beides“.

Es besteht allerdings der begründete Verdacht, dass Russlands Entscheidern ziemlich egal ist, ob dieser Verdacht entsteht.

Achso, der russische Duma-Abgeordnete Dmitri Swischtschow findet die Entscheidung richtig: Seppelt würde eh nur kommen, um „Russland zu verleumden und sich selbst daran zu bereichern“, sagte das ­Mitglied des Sportausschusses der Agentur R-Sport.

Die Konsequenz

Es bildet sich bereits eine bizarre Allianz: Die Bild, die sich sonst nie zu schade ist für jewede Kampagne gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, stellt sich an die Seite von Seppelt: „Wir werden alle Maßnahmen unterstützen, die die ARD-Kollegen für angemessen erachten – von Protestnote bis zum Abzug der Reporter“, kommentierte das Blatt. Erst mal sind allerdings die Verbände gefragt: der DFB und allen voran die Fifa. Denn wenn es der Weltverband halbwegs ernst meint mit den eigenen Vergabekriterien, müsste er Russland mit dem Entzug des Turniers drohen. Jürn Kruse