heute in hamburg

„Der einst Verfemte passt gut zu uns“

Foto: privat

Christine Ebeling, Jahrgang 1966, Schmiedin und Bildhauerin, ist im Konzeptions- und Kuratorenteam sowie der Öffentlichkeitsarbeit des Gängeviertels aktiv.

Interview Petra Schellen

taz: Frau Ebeling, wozu braucht die Welt einen weiteren Kunstfrühling?

Christine Ebeling: Wozu die Welt ihn braucht, kann ich nicht sagen. Aber für Hamburg ist der erste Gängeviertel-Kunstfrühling durchaus ein wichtiges Signal.

Aber es gibt ja schon das alljährliche Galerie-Eröffnungswochenende im Herbst in der Admiralitätstraße und im Kontorhausviertel.

Ja. Und genau deshalb haben wir überlegt, dass das auch im Gängeviertel sinnvoll wäre. Zumal wir sehr verschieden ausgerichtete Ausstellungen zeigen, die auch Performances einschließen. Und ich finde es sehr schön, wenn die Besucher von einer Kunstform in die nächste hinüberwandern und sich von unterschiedlichen Dingen begeistern lassen können.

Wie viele Ausstellungen zeigen Sie?

Insgesamt drei: Im Raum Linksrechts am Valentinskamp gibt es eine Performance der gebürtigen Iranerin Rosh Zeeba, die sich mit hybriden Identitäten befasst. Das „MOM Art Space“ – Fa­brique im Gängeviertel zeigt Werke der jungen Japanerinnen Sho Hasegawa und Yoshie Sugito, die gerade ihren Abschluss an der Hamburger Hochschule für bildende Künste gemacht haben. Und in der Galerie Speckstraße präsentieren wir Arbeiten des 1971 verstorbenen Bohemiens, Architekten, Malers und Bildhauers Franz Kaiser, der lange vergessen war. Es ist die erst Ausstellung seit seinem Tod.

Warum zeigen Sie gerade ihn?

Einmal, weil der Dada-Begeisterte, der unter anderem Kontakte zu Raoul Hausmann und George Grosz pflegte, für Hamburg sehr bedeutsam war. Zum Zweiten, weil der geborene Dürener lange im Gängeviertel gelebt hat. Zwar nicht in den Häusern, in denen wir jetzt aktiv sind, aber gleich um die Ecke. Er stammte aus dem gleichen Milieu, das wir hier wiederzubeleben suchen – gemeinsames Arbeiten, Leben und Wohnen. Als einer, der auch politisch engagiert war und dessen Kunst die Nazis 1937 als „entartet“ aus der Kunsthalle entfernten, passt er gut ins Gängeviertel.

Andererseits soll Franz Kaiser eine Zeit lang mit Ludwig Christian Haeusser, dem selbst ernannten „Erlöser der Menschheit“, umhergezogen und wegen Diebstahls und „Reisens in Horden“ verurteilt worden sein …

Ja, diese Figur ist facettenreich. Über Details wird beim Eröffnungsvortrag die Kunsthistorikerin Maike Bruhns sprechen, die über Kaiser geforscht und die Ausstellung mit vorbereitet hat.

Eröffnung des Kunstfrühlings: 19 Uhr, Gängeviertel. Laufzeiten: Rosh Zeeba sowie Hasagawa/Sugito bis 13. 5., Franz Kaiser bis 31. 5.