schlagloch

Jenseits der Festanstellung

Wenn Arbeit und Leben verschleifen, wird Work-Life-Balance zur Yogaübung

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NoraBossong

Jahrgang 1982, ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zu ihren wichtigsten Romanen zählen „Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ (2012), „36,9°“ (2015). Im Februar ­erschien bei Hanser ihr Reportageband: „Rotlicht“.

Schlagloch-Vorschau:

25. 4., Ilija ­Trojanow

2. 5., Charlotte Wiedemann

9. 5., Jagoda Marinić

16. 5., Hilal ­Sezgin

23. 5., Georg Seeßlen

30. 5., Mathias Greffrath

Von Arbeit habe ich keine Ahnung, vielleicht habe ich auch keine Ahnung davon, wie man nicht arbeitet, ich weiß es nicht genau. Kürzlich war ich mit der Unterstützung einer Stiftung auf Reisen, um für einen neuen Roman zu recherchieren. Da es sich um ein sogenanntes Arbeitsstipendium handelte, muss in meinem Abschlussbericht klar werden, dass ich dort tatsächlich gearbeitet und nicht etwa bloß Urlaub gemacht habe. Würde man mir einen Monat Urlaub schenken, würde ich genau das tun, was ich tue, wenn ich keinen Urlaub habe, nämlich an meinem Roman arbeiten, was neben dem Schreiben auch bedeutet, Gespräche zu führen und Bücher zu lesen. Zwanghaftes Herumliegen am Pool, aufoktroyierte 24-Stunden-Entspannung, dauerhaftes Nichtstun – , es wäre ein Albtraum für mich.

In manchem neige ich zur Pedanterie, etwa dann, wenn ich nicht sicher bin, ob das, was ich tue, dem Begriff „Arbeit“ nahe genug kommt. Damit die Gespräche, die ich im Bericht „Interviews“ nenne, sich auch für mich eindeutig wie Arbeit anfühlten, vereinbarte ich so viele davon und legte die Termine so eng hintereinander, dass ich von einem Treffpunkt zum nächsten hetzen musste. Stress ist immer ein Anzeichen von Arbeitsbelastung. Es musste sich also um Arbeit handeln.

Ist man in künstlerischen Berufen tätig, vor allem in den selbstständigen, in denen man keinem vorgeschriebenen Stundenplan folgen muss, verschleift sich ein Begriff wie Arbeit schnell. Das hat aus meiner Sicht erst mal nichts mit Selbstausbeutung zu tun. Denn wenn man zehn, zwölf Stunden am Schreibtisch sitzt, um ein Romankapitel auszufeilen, wach liegt, weil man über einen Dialogpart nachdenkt, mag das vielleicht etwas anstrengend, aber am Ende doch erfüllend, zumindest selbstgewählt sein. Die Frage, ob man sich ausbeuten lässt, entscheidet sich nicht in diesen vielen tätigen Stunden nahe dem Irrsinn, sondern in den wenigen, in denen man Honorare verhandelt.

Die Verschleifung hat auch mit der sogenannten Work-Life-Balance nichts zu tun, einer traurigen Wortkonstruktion, die den stetigen Kampf zwischen Lohnarbeit und dem selbstbestimmten Leben als schwankende Artistik darstellt und so deutlich mehr nach Yoga klingt als die alten marxistischen Begriffe, aber dabei nicht weniger deprimierend wirkt, suggeriert sie doch, Leben und Arbeit seien unauflösbare Widersprüche und Arbeit müsse vom Leben abgezogen werden. Ist das tatsächlich noch so, war es das je ganz? Und ist das ausgerechnet bei jenen Arbeitnehmern der Fall, die den Begriff überhaupt verwenden?

Etwas verschämt hantiere ich als Autorin mit dem Wort „Auftragsarbeit“, um das zu bezeichnen, womit ich einen Teil meiner Miete zahle. Die auf Lesungen gern gestellte Frage: Können Sie vom Schreiben leben?, wird von routinierten Literaturschaffenden eh meist mit dem Bonmot zurückgewiesen: Ich lebe, um zu schreiben und schreibe, um zu leben! Wer es nicht ganz so hochtrabend mag, antwortet schlicht, man komme über die Runden und interessiere sich im Übrigen mehr für die Frage, ob man vom Leben schreiben könne.

Nun wäre es nicht weiter relevant, mit welchem Wort Schreibende das nennen, womit sie ihren Tag ausfüllen, ginge es nicht um ein weiter reichendes Phänomen. Die Generation meiner Eltern wäre nie auf die Idee gekommen, hinter dem Verfassen von Literatur, gar außerhalb einer Festanstellung an einer Universität oder einer anderen Institution, einen Beruf zu vermuten. Das Feld der Tätigkeiten, die wir heute Arbeit zu nennen bereit sind, hat sich immens erweitert. Mit dem zunehmenden Abschied von der Vollbeschäftigung und von der Festanstellung vom ersten Arbeitstag bis zur Rente wurde das Nachdenken darüber, was Arbeit sein, womit man Geld verdienen könnte, nicht nur flexibler und innovativer, es griff sich zudem immer mehr Raum. Wir mussten und durften findiger werden.

Eigentlich ist Kunst als Beruf eine der schönsten Antworten auf einen sich verändernden Arbeitsmarkt

Eigentlich ist Kunst als Beruf eine plausible, um nicht zu sagen eine der schönsten Antworten auf einen sich verändernden Arbeitsmarkt, in dem manche Tätigkeitsfelder durch Technologisierung wegfallen und andere durch immer globalere Wirtschaftsräume verlagert werden. Doch auch wenn die Ausweitung des Begriffs Arbeit womöglich als Antwort auf den so gern gescholtenen Neoliberalismus gemeint war, führte sie doch eben die dahinterstehende Durchökonomisierung aller Lebensbereiche fort. Plötzlich war all das, was früher noch Selbstverwirklichung oder allgemeiner Leben genannt wurde, Arbeit. Und seitdem es Arbeit war, war es oft unterbezahlt. Seitdem es Arbeit war, kippte es zudem in der Work-Life-Balance in den Bereich der Belastung.

Manchmal habe ich sogar den Eindruck, dass die Stressbelastung in meinem Umfeld allein dadurch größer wird, je mehr wir von dem, was wir tun, Arbeit nennen. Es ist ein wenig wie mit meinen zu eng gelegten Gesprächsterminen: Vielleicht wollen wir einfach nur sicher sein, dass wir tatsächlich Arbeit haben und ausgelastet sind. Nur drohen mitunter vor lauter Stress die großen Skandale ungerechter Bezahlung, der Fremd- und nicht etwa Selbstausbeutung wie Hintergrundmusik abzuklingen oder einfach überhört zu werden: Zum Handeln hat man eh keine Zeit mehr, sogar dann, wenn das Handeln bedeutet, dass man etwas nicht tut: Als ich kürzlich, mein Handy war gerade nach zehn Jahren kaputt gegangen, mit Bekannten darüber sprach, dass ich mir kein Smartphone kaufen wolle, weil die Herstellungsbedingungen ausbeuterisch seien, allenfalls ein Fairphone, vielleicht auch einfach eins dieser Tastenhandys, die sonst nur die Drogendealer am Görlitzer Bahnhof haben, seufzte meine Zuhörerin: „Ja, wenn man auch noch Zeit hätte, sich darum zu kümmern!“ Vielleicht sollten wir alle mehr Urlaub machen.