das portrait

Jörg Ziercke beschwichtigt alle

Kann Wogen glätten: Jörg Ziercke Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Ex-BKA-Chef Jörg Ziercke übernimmt kommissarisch die Leitung des Weißen Rings in Schleswig-Holstein. Zum Glück! Denn niemand passt besser als der 71-jährige Lübecker an die Spitze dieser Hilfs-Organisation für Kriminalitäts-Opfer, die ihre Glaubwürdigkeit verspielt hat: Der Chef ihres Lübecker Büros hat wohl seit Jahren Frauen sexuell bedrängt, die Unterstützung suchten. Und fast ebenso lange hat die Nomenklatur des polizeinahen Vereins Beschwerden darüber in bewährtem Korpsgeist ignoriert.

Ziercke nun ist einerseits der Jupp Heynckes in der Liga der Beschwichtiger, andererseits hat er sich auch Verdienste im Aufarbeiten von Verbrechen von Organisationen erworben, denen er vorsteht: Als Chef der Polizeiabteilung im Kieler Innenministerium ließ er regional die NS-Geschichte der Polizei untersuchen, in Wiesbaden dann die personelle Kontinuität: Dass 33 der 47 ersten Führungsbeamten des BKA SS-Offiziere gewesen waren, weiß man dank Ziercke seit 2007. Ihm gehe es aber „nicht darum, über Schuld zu reden, sondern um Verantwortung“, stellte er klar, als es Wirbel im BKA gegeben hatte, und rügte polizeikritische Medien, die durch polemische Begrifflichkeiten „die Leiden der Opfer aus früherer Zeit relativieren“ würden.

Schon als Ziercke 2004 zum Leiter des Bundeskriminalamts berufen wurde, bewies er dass er Wogen glätten kann, indem er die Mitarbeiter*innen am der Abwicklung geweihten Standort Meckenheim besänftigte. Acht Jahre später, er war 65 geworden, verlängerte man seine Amtszeit, weil die Beschwichtigungsnachfrage explodiert war: Seine Behörde hatte die Morde des NSU-Terrorrings jahrelang nicht bemerkt – oder als Ausdruck der ethnischen Identität der Sinti gedeutet. „Ich kann Ihre Verstimmung hinsichtlich der medialen Aufbereitung des damaligen Geschehens sehr gut nachvollziehen“, schrieb er darum 2012 an den Zentralrat der Sinti.

Ganz zum Schluss musste der einstige Schutzmann noch einmal alle Beteiligten im Skandal um den Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy besänftigen. Den wollte die SPD rausschmeißen, weil er keine Kinderpornos hatte, oder so ähnlich. Jedenfalls hätte der ganze Vorgang fast die große Koalition zerbrechen lassen, wäre nicht Ziercke im richtigen Augenblick vorm parlamentarischen Untersuchungsausschuss alles entfallen, was in dem Zusammenhang wichtig war. Benno Schirrmeister