Leichtathletik Die Szene lechzt nach neuen Symbolfiguren. Leicht ist die Lücke, die Usain Bolt hinterlässt, nicht zu füllen. Es scheint, als hätte der Falsche über 200 Meter gewonnen

Sprinter mit Star-Appeal gesucht

Verzweifelt: Wayde van Niekerk hätte gerne Gold über 200 Meter gewonnen Foto: Sebastian Wells

aus londonHendrik Buchheister

Als das Rennen vorbei war, verlor Wayde van Niekerk die Kontrolle über seine Gefühle. Er war nicht im Stande, der BBC ein Fernsehinterview zu geben, drehte sich aus dem Bild, sodass die Kamera sein Gesicht nicht sehen konnte, und weinte, mehr als eine halbe Minute lang. Mit der Fahne seines Heimatlandes Südafrika, die um seine Schultern hing, wischte er sich die Tränen weg. Am Ende einer aufregenden Woche bei der Leichtathletik-WM in London hatte es nicht geklappt mit dem angepeilten Doppelgold. Nach seiner erfolgreichen Titelverteidigung über 400 Meter wurde er im Rennen über 200 Meter nur Zweiter. Der ganz große Triumph blieb ihm verwehrt.

Am Ende tat der 25 Jahre alte Sprinter aus Kapstadt dann doch so, als sei er zufrieden mit seiner Vorstellung bei diesen Wettkämpfen. „Das war nur der Anfang. Ich werde noch viel mehr harte Arbeit investieren und in Zukunft noch mehr zeigen“, sagte er, als er die Beherrschung wiedergefunden hatte.

Die Zukunft ist ein großes Thema bei diesen Weltmeisterschaften. Usain Bolt, in den vergangenen Jahren der Alleinunterhalter der Szene, gibt seine Abschiedsvorstellung, die Branche ist auf der Suche nach einer neuen Symbolfigur, und nach allgemeiner Auffassung ist diese Rolle für van Niekerk reserviert. Für den Mann, der bei Olympia in Rio de Janeiro im vergangenen Jahr den seit 1999 bestehenden Weltrekord von Michael Johnson über 400 Meter brach. Doch das Londoner Finale über 200 Meter zeigte, dass die Suche nach dem Superstar der Zukunft komplizierter ist als vielleicht gedacht.

Das Rennen hatte einen Überraschungssieger, der nicht zum Helden für die Allgemeinheit taugt, den Türken Ramil Guliyev. Er ist der erste männliche Leichtathletikweltmeister aus seinem Land – und er ist eine Zierde für den türkischen Staat. Als der frisch ernannte Sieger in den Katakomben des Londoner Stadions seine Interviews gab, erhielt er einen Anruf vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der ihm zu seinem Triumph gratulierte. „Er macht uns alle stolz“, twitterte Erdoğan. Dabei stammt Guliyev eigentlich gar nicht aus der Türkei. Er kam in Aserbaidschan zur Welt, ließ sich nach seinem Sieg zuerst eine Fahne seines Geburtslandes um die Schultern legen. Seit 2013 startet er für die Türkei. Weil er eben in der Türkei lebe, sagte er.

„Das war nur der Anfang. Ich werde noch viel mehr harte Arbeit ­investieren und in Zukunft noch mehr zeigen“

Wayde van Niekerk, Südafrikas Vorzeigesprinter, nach seiner überraschenden Niederlage im 200 Meter-Rennen

Ein Sportler, der das Zeug zum heimlichen Helden der Titelkämpfe von London hatte, scheiterte im Finale über 200 Meter an der eigenen Erschöpfung. Isaac Makwala war wegen einer Magen-Darm-Erkrankung vom Endlauf über 400 Meter ausgeschlossen worden, er vermutete dahinter eine Verschwörung. Über 200 Meter durfte er antreten. Am Vortag des Finales bestritt er zwei Vorläufe, bei denen er vom örtlichen Publikum donnernd bejubelt wurde. Auch bei seinem Einmarsch zum Endlauf war der Zuspruch der Zuschauer groß. Bei vielen Fans hat sich offensichtlich das Gefühl eingestellt, dass Makwala ungerecht behandelt worden war mit seinem Ausschluss.

Er galt als Anwärter auf den Titel über 200 Meter, als härtester Konkurrent van Niekerks, wurde dann aber nur Sechster. „Mit einem Tag Pause hätte ich eine bessere Zeit gelaufen“, sagte Makwala. Ob er immer noch sauer sei über seine Verbannung vom Rennen über 400 Meter, wurde er dann noch gefragt, und er antwortet diplomatisch. Sauer? Nein. „Ich bin enttäuscht“, sagte er. Er fühlte sich immer noch seiner Chance auf Gold beraubt, über 400 Meter hätte er beste Chancen gehabt, da war er sich sicher. Doch es sollte jetzt auch gut sein mit dem Thema.

Makwala hatte seine Gefühle im Griff nach dem Finale über 200 Meter. Anders als van Niekerk, der noch ein bisschen warten muss auf seinen Aufstieg zur neuen Symbolfigur der Leichtathletik.