heute in Bremen

„Arbeit muss sich lohnen!“

Vortrag Finanzwissenschaftler reden in der Villa Ichon über eine gerechtere Wirtschaft

Rudolf Hickel

Foto: Ingo Wagner/dpa

75, ist Wirtschaftswissenschaftler und war Professor an der Universität Bremen sowie Direktor des Instituts Arbeit und Wirtschaft.

taz: Herr Hickel, wann geht der Kapitalismus endlich unter?

Rudolf Hickel: Theoretisch kann ich seinen Untergang voraussagen, praktisch kann der Kapitalismus aber opportunistisch werden: Wenn es eng wird, reagiert er mit Arbeitszeitverkürzungen, und Konjunkturprogrammen. Er hat eine immanente Rettungsdynamik. Die Agenda 2010 ist durch Mindestlöhne korrigiert worden. Meine These ist: Der Kapitalismus wird an der ökologischen Frage scheitern. Wenn sich herausstellt, dass er die Umwelt so sehr zerstört, dass es existenziell wird.

Und was kommt danach?

Ich glaube nicht, dass Sozialismus kommt, sondern tippe angesichts der Weltlage eher auf autoritäre Systeme.Wollen Sie das mit Ihrer Arbeitsgruppe verhindern und das Beste aus dem Kapitalismus herausholen?

Unsere Arbeitsgruppe alternative Wirtschaftspolitik gründete sich 1975 als Alternative zum Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Damals gab es im Zuge der Ölkrise einen Wachstumszusammenbruch und eine abknickende Wirtschaftsleistung. Wir sind Kritiker von Marktfundamentalismus und -optimismus, vertreten Minderheitenpositionen der Wirtschaftswissenschaft und tragen so zum Pluralismus bei.

Wie kann man die nächste Krise verhindern?

Wir müssen Finanzkapital entmachten und Spekulationen verbieten. Der Wille dazu lässt nach der vorigen Krise schon wieder nach: Trump und die Deutsche Bank wollen die Finanzmärkte wieder entkontrollieren. Wenn aber der spekulative Kasinokapitalismus nicht durchbrochen wird, wird die nächste Krise schlimmer. Es gibt immer mehr Institutionen wie Hedgefonds, Schattenbanken, die an Macht gewinnen.

Sie geben seit 1975 in jedem Jahr ein Memorandum heraus. Was sagt es im Jahr 2017?

In diesem Jahr heißt es: „Germany First“ und ist eine polemische Anspielung auf Trump. Durch Deutschlands imperiales Auftreten in der internationalen Wirtschaftspolitik, wie etwa dem Festhalten am Handelsbilanzüberschuss, ergeben sich zwei große Fehlentwicklungen: Wir exportieren Arbeitslosigkeit und verspielen interne Möglichkeiten. Wir müssen intern den Sozialstaat und den Binnenmarkt stärken.

Wie zum Beispiel?

In Bremen haben wir riesige Investitionsdefizite, etwa viele kaputte Tunnel. Wenn wir die reparieren, führt das zu Produktion und Beschäftigung. Auch wichtig ist eine andere Lohnpolitik: Sie muss expansiver werden. Wir müssen Beschäftigte an Wertschöpfung beteiligen. Damit kann man wiederum die Nachfrage stärken. Durch die Agenda 2010 hat die Prekarisierung zugenommen, jeder noch so dreckige Job muss angenommen werden. Die Einschränkung von Leih- und Zeitarbeit wären jetzt wichtig sowie die Einführung von einem höheren Mindestlohn für alle. Arbeit muss sich lohnen. Martin Schulz wird erst wieder in den Betrieben gewählt, wenn er die Verarmung auf den Arbeitsmärkten ernsthaft stoppt.

Interview gjo

19 Uhr, Villa Ichon, Goetheplatz 4