Es wird Zeit, dass das Krokodil und ich etwas zusammen unternehmen

Abends im Tropenaquarium

Foto: privat

AM RAND

Klaus Irler

Wenn es dunkel wird in Hagenbecks Tropen­aquarium, dann legt sich das Krokodil ins Wasser und lässt sich treiben. Von oben betrachtet sieht es aus wie ein schwarzer Teppich auf einem hellblauen Boden. Hellblau wird das Wasser durch Unterwasserlampen und das Krokodil wird zum Schattenbild.

Zur Biedermeierzeit haben Eheleute Schattenbilder voneinander aufgehängt, um zu betonen, dass es ihnen nicht um Äußerlichkeiten, sondern um die Seele des anderen ging. Bei den beiden Krokodilen im Tropenaquarium schert sich niemand um die Seele, da geht es tagsüber immer um die Frage, ob die Krokodile geneigt sein könnten, sich zu bewegen. Als Beweis, dass sie am Leben sind.

Natürlich ist das das Coole am Tropenaquarium, dass sich darin nicht viel bewegt wird. Die Schlangen hängen an den Ästen, die Echsen stehen auf den Steinen, die Kröten sitzen auf den Blättern. Niemand rührt sich. Lediglich auf der Ameisenstraße wird gerannt, aber die Straße verläuft unauffällig durch ein Rohr unter der Decke. Gut, die Fische bewegen sich, aber sie tun es lautlos und ohne Hektik.

Kürzlich habe ich ein Hochzeitspaar im Tropenaquarium gesehen, in voller Montur. Die zwei dachten, es wäre lustig, sich vorm Krokodil-Gehege fotografieren zu lassen. Ich habe mich gefragt, was die Wahl der Kulisse wohl über die Verbindung der beiden aussagt. Geht’s ums Fressen und Gefressen-Werden? Andererseits: Die Krokodile im Tropenaquarium wirken sehr friedlich. Sie erinnern sich vermutlich nur noch entfernt daran, Räuber zu sein.

Letzteres merkte auch der Dreijährige, der die Krokodile sehen wollte, sie aber nirgends im Gehege entdecken konnte. Er sagte zu mir: „Die Krokodile sind nicht da. Sie sind beim Einkaufen.“ Ich sagte: „Was kaufen sie denn?“ – „Nudeln“, sagte der Dreijährige, „und Fleisch.“

Die allgemeine Bewegungslosigkeit macht es möglich, dass einer der Stars im Tropenaquarium ein alter Pickup-Truck der Marke Dodge Power Wagon ist. Der Truck steht im Restaurant und man darf sich reinsetzen, aber nicht auf ihm rumklettern.

Ich weiß zufällig, dass die Freiwillige Feuerwehr Kleinengersdorf in der Nachkriegszeit einen Dodge Power Wagon fuhr – in Rot natürlich. Der Dodge im Tropenaquarium ist gelb. Auf seiner Ladefläche steht ein Tisch, an dem Pommes und Eis gegessen werden. Dass dieser Dodge jemals gefahren sein soll, ist so schwer vorstellbar wie eine Jagdtätigkeit der Krokodile.

Wenn die Dunkelheit hereinbricht durch die Glasdecke des Tropenaquariums, dann setze ich mich ans Steuer des Dodge und male mir aus, wie es wäre, wenn er funktionieren würde. Ich stelle mir vor, wie ich mit Vollgas die Wände des Aquariums durchbreche und Richtung Hafen fahre. Dort steuere ich den Dodge auf einen Bananendampfer und wir fahren nach Venezuela. Das Krokodil kann von mir aus mitkommen – wenn es zurück ist vom Einkaufen.