meinland Der Blick von außen: Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten und was eine Heimat bedeutet, die nicht mehr unbedingt an geografische Grenzen gebunden ist

Fremd ist nicht gleich fremd

Deutschland und die Schweiz sind sich eigentlich ziemlich ähnlich. Oder doch nicht? Foto: Karsten Thielker

von Gina Bucher

Theoretisch bin ich so fremd, wie die vielen anderen Zuzügler auch: Ich bin Nicht-EU-Ausländerin, spreche eine andere Sprache und kenne eine andere Währung. Viele Dinge sind mir in Deutschland fremd: die Art Schlange zu stehen, einjährige Elternzeit, der Umgang mit Behörden, die sportliche Art zu debattieren, Pfandflaschensammelnde, das „ß“. Manche Differenzen mag ich, andere nicht.

Heimat bedeutet für mich, dass mir solche Unterschiede nicht mehr sofort ins Auge stechen. Und dass die Türen sich öffnen, im metaphorischen Sinn, ohne dass zuerst gefragt wird, woher ich denn eigentlich komme. Nun kann ich leicht reden, denn mir sieht man das Fremdsein nicht sofort an – als Schweizerin in Deutschland. Allenfalls hört man es: Meistens wird lediglich nachgefragt, warum ich das „R“ anders rolle. Im schlimmsten Fall wird mein Geburtsland als niedlich bezeichnet und meine Landsgenossen als „diplomatisch“.

Eine neue Art Heimat

Ich wünschte, das erginge allen so: Dass man sich die Welt ansehen kann und offen und herzlich aufgenommen wird. Offene Gesellschaft, das ist für mich ein Hintergrundgeräusch, mit dem ich sehr selbstverständlich aufgewachsen bin und das ich kaum je hinterfragt hatte. Wer wie ich in den neunziger Jahren groß geworden ist (und – ein Hohn, dass daraus eine Klammerbemerkung wird: außerdem im begüterten Teil der Erde), hat eine plüschige Welt kennengelernt, in der vieles möglich ist. Weil man – Erasmus sei dank – hier ein Semester studiert hat, obwohl man dort aufgewachsen ist, mit Interrail leicht ans Meer gefunden hat und mit Easy­jet nach Kopenhagen. Wir haben vieles ausprobiert und zuerst mal für gut gefunden, was uns die Globalisierung auf dem Silbertablett serviert hat. So ist auch für viele eine neue Art von Heimat entstanden, die nicht mehr so sehr an geografische Grenzen gebunden ist und einen auch leicht in Sphären bringen kann, in denen man sich nicht mehr verantwortlich fühlt für den Kieztreff.

Wenn ich jetzt in den Besprechungen zu taz.meinland sitze, dann fühle ich mich davon genauso betroffen, auch wenn das eigentlich euerland ist und mir immer wieder mal etwas fremd vorkommt. In den vielen Jahren, in denen ich zwischen hier und dort gependelt bin, ist mir das Hier genauso Heimat geworden wie das Dort. Vieles das hier passiert, geschieht auch in meinem ursprünglichen Heimatland – meistens etwas abgeschwächter und meistens zeitlich etwas verzögert. Und nicht selten nimmt die Weltöffentlichkeit nur davon Notiz, wenn es sich medial ausschlachten lässt. Der verweigerte Händedruck zweier muslimischer Schüler mit ihrer Lehrerin etwa, die seltsame Ecopop-Initiative, das Minarettverbot. Oft werde ich im Ausland ausgerechnet dann gefragt, was ich als Schweizerin von der direkten Demokratie halte – mit leicht spöttischem Unterton. Entsprechend oft werde ich aber in letzter Zeit auch in der Schweiz zu hier befragt: wie Deutschland die Flüchtlingspolitik stemmt, wie die Umfragewerte zu Merkels Politik seien, ob es im Osten Deutschlands wirklich so dunkel sei? So unterschiedlich die Länder im geografischen Europa sind: Es ist entscheidend, was in diesem Jahr in Deutschland passiert.

Gina Bucher, 38, ist taz.lab-Programmchefin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Zürich