Neue Fangquoten

Dorsch tot, Scholle satt

Neue Fangquoten in der Ostsee bedrohen die Existenz vieler Fischer. Die Dorschquote wird nahezu halbiert und die Freizeitanglerei beschränkt, weil der Bestand vor dem Kollaps steht

Möwen umkreisen Fischerboot

Sprotten statt Dorsch: Fischer und Möwen müssen sich umstellen. Foto: Carsten Rehder/dpa

HAMBURG taz | Britta König formuliert gern blumig: „Kein Rettungsanker für den Dorsch – ein Bärendienst für die Fischer“ nennt die Sprecherin der Hamburger Umweltstiftung WWF die europäischen Fangquoten für die Fischerei auf der Ostsee. Es sei „verantwortungslos, die Überfischung fortzusetzen“.

In der Nacht zu Dienstag haben die Fischereiminister der EU vor allem beim Dorsch eine drastische Kürzung um bis zu 56 Prozent beschlossen (siehe Kasten). Der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) hatte in seiner Empfehlung an die Minister sogar eine Kürzung um 87 Prozent gefordert.

Bei den Fischern löse auch die nun beschlossene Halbierung „Existenzangst“ aus, kritisiert der Deutsche Fischereiverband mit Sitz in Hamburg. Umweltschützern indes geht das nicht weit genug. Die neuen Quoten für 2017 seien „ein Kniefall vor den Interessen der Fischereiindustrie“, findet Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack.

Abhängig vom Dorsch

Für 2017 hat der EU-Ministerrat in der westlichen Ostsee die Dorsch-Fangmenge um 56 Prozent gegenüber 2016 gesenkt, in der östlichen Ostsee um 25 Prozent. Deutsche Fischer können damit im Westen 1.194 Tonnen Dorsch fangen (von 5.597 Tonnen insgesamt), im Osten 2.820 Tonnen (von 30.857 Tonnen).

Für Schollen verdoppelt sich die Fangquote für die gesamte Ostsee auf 7.862 Tonnen. Die Heringsquote steigt im Westen um acht Prozent auf 28.401 Tonnen.

Beim Lachs ändert sich kaum etwas: Für 2017 ist erneut eine Fangmenge von 95.928 Tonnen vorgesehen, nur im Golf von Finnland im äußersten Osten gibt es eine Kürzung um ein Fünftel.

Die Sprottenquote steigt um 29 Prozent auf 260.993 Tonnen.

Der Dorsch gilt den Fischern auf der Ostsee als „Brotfisch“, der über Wohl und Wehe der zumeist in Familienhand befindlichen Betriebe entscheidet. In Deutschland liegt er auf Platz sieben der meistverzehrten Speisefische. Schleswig-Holsteins Fischer tragen bislang rund drei Viertel zum deutschen Dorschfang bei, folglich ist hier die Abhängigkeit von der Fangmenge besonders hoch.

Deshalb seien nun strukturelle Hilfen aus dem Europäischen Meeres- und Fischereifonds nötig, sagt der grüne Umwelt- und Fischereiminister Robert Habeck: „Wir setzen uns dafür ein, dass Gelder für die dauerhafte und vorübergehende Stilllegung gezahlt werden können.“ Der Bund müsse sich bei der EU dafür einsetzen.

Erstmals legte die EU auch Obergrenzen für Freizeitfischer fest, weil sie mittlerweile ähnlich viel Dorsch aus der Ostsee holen wie Berufsfischer. Vor allem im Sommer sind Angeltouren auf den Fischkuttern eine bislang unreglementierte Touristenattraktion in der Lübecker und der Kieler Bucht – mit der Folge, dass die Dorschquote faktisch doppelt ausgeschöpft wird.

In der Laichsaison im Februar und März dürfen Freizeitangler nun künftig höchstens drei Dorsche pro Tag angeln, im Rest des Jahres fünf, legte die EU fest. Das müsse dann aber auch effektiv kontrolliert werden, fordert der WWF: „Eine Dunkelziffer können wir uns nicht leisten.“

Von einem „tragbaren Kompromiss“ sprach der Direktor des Thünen-Instituts für Ostseefischerei in Rostock, Christopher Zimmermann. Es sei positiv, dass auch die Freizeitfischerei begrenzt und somit der Fischereidruck insgesamt gesenkt werde.

Die Kleinen trifft's härter

Ohne Beihilfen würden viele Familienbetriebe das nächste Jahr nicht überstehen, befürchtet dennoch Dirk Sande vom Verband der deutschen Kutter- und Küstenfischer (VDKK). Bis zu 50 Prozent der Flotte in der Ostsee könnte ihre Existenzgrundlage verlieren. Weil das auch nachgelagerte Bereiche wie Bootswerften, Schiffsausrüster oder Fischrestaurants träfe, „wäre ein nicht reparabler Strukturverlust die Folge“, warnt Sander.

Das sieht auch Thilo Maack von Greenpeace so, weil die besonders umweltzerstörerische Großfischerei weiterhin bevorzugt werde: „Die Leidtragenden sind die mit traditionellen Methoden arbeitenden Küstenfischer, die im Gegensatz zur industriellen Fischerei am wenigsten für die problematische Situation verantwortlich sind“, kritisiert Maack.

Es gebe aber auch gute Nachrichten, findet der Deutsche Fischereiverband: Es dürften ein Drittel mehr Sprotten und fast doppelt so viele Schollen wie 2016 gefangen werden. Das sei einem „nachhaltigen und verantwortungsvollen Management“ zu verdanken. Das soll nun auch beim Dorsch praktiziert werden – so lange es noch welchen gibt.

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