Rechtsextreme überfallen in der Uni Wien die Aufführung eines Flüchtlingsstücks

"Das waren richtige Schlägertypen"

Der Verfassungsschutz stuft die "Identitären" als rassistisch/nationalistisch und dem Neonazismus nahestehend ein

Aus Wien Ralf Leonhard

Realistischer kann man Flüchtlingselend nicht ­inszenieren. Eine etwa dreißig Mann starke Gruppe Rechtsextremer stürmte Donnerstagabend das Audimax der Uni Wien, fiel über Flüchtlinge her, verspritzte Kunstblut und warf Flugblätter ins fassungslose Publikum.

Auf der Bühne wurde das Flüchtlingsstück „Die Schutzbefohlenen“ von Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek aufgeführt. Der Eintritt war frei, das Audimax mit rund 700 Zuschauern prall gefüllt. Als Schauspieler traten Schutzsuchende aus Syrien, Afghanistan und dem Irak auf, Menschen, die vergangenes Jahr erst ins Land gekommen waren.

Die Störer drangen kurz nach Beginn der Vorstellung ein, entrollten Transparente und die schwarz-gelbe Fahne der „Identitären Bewegung“. Die Vereinigung wird vom Verfassungsschutz als „rassistisch/nationalistisch geprägt“ und dem Neo­nazismus nahestehend eingestuft. Sie richtet sich vor allem gegen Asylsuchende. „Multikulti tötet“, warnten die Flugblätter.

„Das waren richtige Schlägertypen“, schildert die Regisseurin Tina Leisch. Die Männer seien mit Megafonen bewaffnet gewesen und hätten Flüchtlinge auf der Bühne und in der ersten Reihe tätlich angegriffen. Das Publikum selbst habe die Neonazis aber schnell wieder hinausgedrängt. Tina Leisch: „Es war ein kurzer Spuk.“

Während die kriegsvertriebenen Schauspieler noch unter Schock standen, trafen dann elf Funkstreifen der Wiener Polizei und der Sondereinheit Wega ein. Da die Aggressoren schon weg waren, versuchten sie mittels Zeugenbefragungen die Ereignisse zu protokollieren. Einige leicht Verletzte wurden ins Krankenhaus gebracht.

Hinter der Bühne wurde diskutiert, ob man die Vorstellung fortsetzen solle, was mit dem Argument „Wir lassen uns nicht einschüchtern“ schließlich positiv entschieden wurde. Das Publikum honorierte das mit standing ovations.

Die Idee, das Flüchtlingsstück mit Flüchtlingen zur Aufführung zu bringen, sei vergangenen Sommer vor dem Erstaufnahmelager Traiskirchen geboren worden, sagt Leisch. Die Asylsuchenden hätten nach einer Möglichkeit gesucht, sich einzubringen und gegen die unhaltbaren Zustände im überfüllten Lager zu protestieren.

Seit der Uraufführung der mit dem Nestroy-Preis ausgezeichneten Inszenierung im September ist das Stück zwei- bis dreimal im Monat aufgeführt worden, vor allem in Schulen.