Kulisse Wie Bollywoods Filmindustrie den indischen Norden prägt. Eine Rundreise

Im Schatten des Großmoguls

Die wahre Liebe im wahren Leben ...

von Christian Schreiber

Der erste Inder, den wir sehen, ist tatsächlich Shah Rukh Khan. Der berühmteste Schauspieler Asiens lächelt von einem gigantischen Plakat am Kofferband des Flughafens in Neu-­Delhi und macht Werbung. Er ist 50 Jahre alt, sieht aber bedeutend jünger aus. Wie bei seinem Gesicht getrickst wird, werden wir am Ende unserer Reise durch den indischen Norden erfahren, wenn wir in die Bollywood-Welt in Mumbai eintauchen.

Auf dem Weg dorthin liegen die berühmtesten Sehenswürdigkeiten Nordindiens: Agra Fort, der Palast der Winde, die Bernsteinfestung in der rosa­roten Stadt Jaipur und natürlich das märchenhafte Taj Mahal. Was uns dabei schnell klar wird: Bollywood ist überall.

In Delhi gehört der Qutb-Komplex zum Pflichtprogramm für Touristen. Gerade hat es einen kleinen Unfall gegeben, als ein Inder beim Versuch, das dortige Minarett in voller Größe mit dem Smartphone einzufangen, von einer Mauer gestürzt ist. Wenn es um ein gutes Foto geht, nehmen die Einheimischen einiges in Kauf. Aber immerhin reckt sich das Minarett, das zu den höchsten Turmbauten der islamischen Welt zählt, 72 Meter in den grauen Himmel der abgasgeplagten Hauptstadt.

Einreise: Für die Einreise nach Indien ist grundsätzlich ein Visum nötig, das man bei den indischen Auslandsvertretungen (Hamburg, Frankfurt, München, Berlin, Wien, Bern, Genf) beantragen muss. Informationen: ­www.indianembassy.de, www.indianembassy.at. Unter bestimmten Voraus­setzungen, die unter ­indianvisaonline.gov.in erläutert sind, kann man ein elektronisches Visum beantragen.

Anreise: Direktflüge nach Neu-Delhi und/oder Mumbai gibt es ab München (Lufthansa) Frankfurt (Air India), Zürich (Swiss) oder Wien (Austrian).

Bollywood/Filmcity: Verschiedene zweistündige Touren in Filmcity mit Guide und Besuch eines Filmsets. Etwa 8 Euro. mumbaifilmcitytours.com

Allgemeine Informationen: www.india-tourism.com, Tel.: (069) 2 42 94 90.Die Reise wurde finanziert von Indien Tourismus.

Es darf sich auch mit dem Titel Weltkulturerbe schmücken, den die Unesco im Übrigen mehr als zwei Dutzend Mal in Indien vergeben hat. Plötzlich stürmen alle Smartphone-Knipser zu einem Tempel, wo ein Fotoshooting stattfindet. Ein schmuckbehangenes Modell mit pinkfarbenem Sari stolziert zwischen alten Säulen. Eine Mauer aus Security-Leuten versucht die Frau abzuschotten. Ein Brite schält sich aus dem Pulk und berichtet seiner Reisegruppe: „Plakat-Shooting. Sie ist eine bekannte Schauspielerin und hat hier am Minarett einen Film gedreht.“

Es gibt einige kulturhistorische Spots, die unter den Indern erst dank Bollywood Berühmtheit erlangt haben. Die Geisterstadt Fatehpur Sikri, 40 Kilometer südwestlich von Agra, zählt sicher dazu. Sie empfängt uns mit gnadenloser Hitze. Zum Glück hat Großmogul Akbar, der sie im 16. Jahrhundert erbauen ließ, an ausreichend Schattenplätze gedacht. Und trotzdem fiel die Stadt letztlich dem Klima zum Opfer: Der nahe See trocknete aus und man hatte nicht mehr genügend Wasser.

Akbar galt als Freigeist, tolerierte unterschiedliche Religionen und Lebensstile. Das kann man heute noch an den Wänden und Mauern ablesen, wo sich Kreuze des Christentums und westlich gekleidete Frauen neben persischen Inschriften finden. Obwohl die Unesco auch diesen Komplex längst als Weltkulturerbe geadelt hat, kennen die Inder Fatehpur Sik­ri vor allem als Kulisse für den Film „Pardes“ mit dem damals 30-jährigen Shah Rukh Khan und Mahima Chaudhry, die darin ihr Debüt feierte und eine Auszeichnung erhielt.

„Wir haben den ­einzigen Tempel der Welt, in dem Gott jeden Tag ­ausgetauscht wird“

Egal wo wir hinkommen, die Filmemacher waren schon da und haben einen Bollywood-Streifen gedreht. Das gilt natürlich auch für die rosarote Stadt Jaipur. Der Ritt mit dem Elefanten hinauf zum Bernstein-Fort ist eine beliebte Kameraeinstellung. Auch wir reihen uns in die Schlange ein und schaukeln auf dem Rücken des grauen Riesen hinein in die Festung. Der Ausblick fällt auf eine Mauer, die sich abenteuerlich über die grünen Bergrücken zieht, mit der die Herrscher der Kachwaha-Dynastie ihr Revier verteidigten.

Wir denken mittlerweile schon in Kulissen und sind uns einig, dass die Location perfekt wäre für einen Streifen über die Chinesische Mauer. Ob so ein Film bereits gedreht wurde, können uns selbst die Souvenirhändler nicht sagen, die Bollywood-DVDs in allen Sprachen der Erde anpreisen.

Auch Martina Müller, unsere Reisebegleitung aus Freiburg, weiß es nicht. Sie ist Bollywood-Fan, seit sie vor gut zehn Jahren ihren ersten Film mit Shah Rukh Khan auf Arte gesehen hat. „Das ist ja immerhin ein Kulturkanal“, sagt sie. Die Reise nach Indien ist für sie ein Märchen, das wahr wird, und erinnert ein bisschen an die Motive der Bollywoodfilme, in denen sich stets der große Traum des kleinen Hauptdarstellers erfüllt.

Der Fotograf:„Will They Sing Like Raindrops or Leave Me Thirsty“ (Werden sie wie Regentropfen singen oder mich dürsten lassen), ist der Titel der hier veröffentlichten Fotoarbeit, nach dem Song einer indischen Liebesschnulze. Der belgische Fotograf Max Pinckers reiste durch Indien – stets auf der Suche nach Motiven zu Liebe und Hochzeit und wie diese durch Bollywood beeinflusst sind. Er suchte in Magazinen, schaute Filme, in Fotostudios, wo sich Hochzeitspaare ablichten lassen, aber auch am Taj Mahal als Hotspot aller Liebesfotos. Herausgekommen sind dokumentarische und inszenierte Bilder der Liebe. Dabei ging es nicht um Folklore oder kulturelle Unterschiede. Pinkers interessierte das Universelle der Liebe und Schönheit bis hin zum Kitsch. Er traf auch die Gruppe „Liebesbefehl“ in Neu-Delhi, die junge Verliebte, denen das Zusammensein verweigert wird, unterstützt. Entstanden sind poetisch Bilder, alle schön wie Bollywood.

Das Buch: „Will They Sing Like Raindrops or Leave Me“ erschien im Selbstverlag, 2014

„Ich liebe diese Klamotten und Tänze“, sagt Martina, die im Bus genügend Zeit hat, um über ihre Leidenschaft zu berichten. Die Straßen sind schlecht und die Wege weit. Indien ist fast zehn Mal so groß wie Deutschland, dort leben mehr als 1,2 Milliarden Menschen – knapp die Hälfte von ihnen kann weder lesen noch schreiben. Die meisten Inder wohnen immer noch auf dem Land, aber die Armut treibt sie zusehends in die Metropolen.

Die Zahl der Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern steuert mittlerweile auf die 200 zu. Die größte ist Mumbai, das mit seinen Vororten auf rund 18 Mil­lio­nen Bewohner kommt. Allein der offiziellen Statistik zufolge hat sich die Zahl damit in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt, Schätzungen gehen gar von einer Verdreifachung aus.

Dort sind wir am Ende unserer Reise. Die Riesenstadt wäre locker eine Woche Sightseeing wert. Immerhin haben wir Zeit, das Gateway of India, das Wahrzeichen der Stadt, zu besuchen und die Menschenmassen zu beobachten. Es ist ähnlich wie bei unserem Besuch des Taj Mahal vor einigen Tagen. Das Foto geht über alles. Kaum jemand nimmt sich die Zeit, den Moment zu genießen. Alle denken nur daran, wie sie ihre Facebook-Community am besten teilhaben lassen.

Die Realität auf Indiens Straßen: so schön männlich, heroisch wie ein echter Bollywood-Streifen

Einen Unterschied gibt es immerhin: Am Gateway ist zusätzlich der Polaroidwahn ausgebrochen. Jeder Inder will sich mit dem honigfarbenen Triumphbogen fotografieren lassen und das Bild sofort in den Händen halten. Es ist sinnvoll, sich auf einzelne Höhepunkte in Mumbai zu konzentrieren, denn die verstopften Straßen machen so manchen Touristentraum zunichte. Auch die Fahrt zu den Bollywoodstudios ist ein Trip durch die Verkehrshölle.

Je näher wir kommen, umso mehr Werbeplakate von „Film-Agenten“ sehen wir, die „professionelle Vorbereitung“ fürs Casting und Tanzkurse offerieren. Auch in den heruntergekommenen Vierteln finden sich fast an jeder Ecke Schauspielschulen. Zwei Drittel der Mumbaier wohnen in Slums. Selbst Leute aus der Mittelschicht finden keinen Wohnraum und nisten sich dort ein.

Ein brennendes Frauenkleid weckt grausame Assoziationen

Dann endlich: das Tor zu Bollywood. Die Wachleute der „Filmcity“ kontrollieren nach Lust und Laune. Der öffentliche Bus und Motorräder fahren einfach hinein in das Viertel. In Mumbai ist die größte Filmindustrie der Welt angesiedelt. Gut 2.000 Streifen werden in den rund 150 Studios jährlich gedreht. Die Kameras rattern im 24-Stunden-Modus. Wir tuckern mit einem Bus durch die Kulissen, steigen an den bekanntesten Spots aus.

„Bisher habe ich noch nichts erkannt“, flüstert Martina. Kein Wunder, die Gebäude verwandeln sich im Stundentakt. Jetzt Bank, später Gericht, dann Supermarkt. Ein Guide erklärt: „Wir haben den einzigen Tempel der Welt, in dem Gott jeden Tag ausgetauscht wird.“

... und der nüchterne Alltag, der sich einschleicht Fotos: Max Pinckers/Magnum/Agentur Focus

Martina hofft, dass sie irgendwo einen Blick auf die Dreharbeiten werfen darf. Sie würde gern sehen, wie die berühmten Tänze einstudiert werden, oder ein paar Takte der Herz-Schmerz-Lieder mitsingen. Am Filmset, das wir besuchen dürfen, dreht die Crew aber nur einen Werbespot für Babycreme. Immerhin nimmt sich Aufnahmeleiter Malcom ein paar Minuten Zeit für die Gruppe. Er steht gehörig unter Zeitdruck, das Studio ist bereits für den nächsten Dreh gebucht. Deswegen hat er vorgesorgt und zwei Hauptdarsteller engagiert. „Wenn das Baby hier schreit, haben wir noch ein anderes.“

Zurück im Bus gibt es ein kleines Bollywood-Quiz, bei dem Martina die Punkte abräumt. Dann stoppt ein Security-Mann unser Gefährt. Wir dürfen nicht weiterfahren, weil auf dieser Straße gerade eine Szene gedreht wird. Also laufen wir zum nächsten Set, wo gerade Pause ist und die Schauspieler unter einem Zeltdach Reis und Hühnchen essen. Unsere Gruppe hat Glück, denn plötzlich taucht Shyam Benegal, ein bekannter Regisseur auf. Martina fragt ihn, wie man einen erfolgreichen Film macht. „Kamera an und loslegen. Und die richtigen Schauspieler.“

Shah Rukh Khan ist noch immer der Liebling der Inder. Am Rande der Filmcitytour flüstert man uns zu, dass er sich einmal im Monat in London seine Raucherlunge durchpusten lässt. Jede Filmsequenz mit ihm – und das sind sehr, sehr viele – wird digital verjüngt. Auf dem Flughafenplakat bei unserer Ankunft hat er für einen Fitness-Shake geworben: „Der hält jung.“