Seyfried: "Das Land muss verarscht werden"

Vor Gerhard Seyfried sind seit den 70ern weder Polizei noch Alternative sicher. Jetzt hat der Cartoonist einen neuen Feind ausgemacht: Schäubles Überwachungsstaat.

Bild: aus "Seyfried & Ziska"

INTERVIEW ROLF ACHTECK

taz: Herr Seyfried, "wir arbeiten nicht für jeden und schon gar nicht für Geld" heißt es im Vorwort zu der heute erscheinenden Gesamtsammlung Ihrer Comics. Für was arbeiten Sie und Ihre Kollegin Ziska dann?

Gerhard Seyfried, geboren 1948 in München. Berühmt geworden durch seine alternativ-autonomen Comic. Populär wurde er, weil die sogenannte undogmatische Szene in den 60ern mit Donald-Duck-, Peanuts- und anderen Comics literarisch erzogen war. Mit Seyfrieds spottenden Zeichnungen kam ein heiterer Ton die Zeit: Haschisch rauchen, Häuser besetzen, Lack teurer Autos zerkratzen, Palästinsertuch tragen, lange Haare verfilzen lassen. Jede Demo wurde mit Seyfried zum Pop-Event.

Gerhard Seyfried: Wir arbeiten, um die Zeit totzuschlagen und um eine intellektuelle Randgruppe, die zufällig den gleichen Humor hat, zu erheitern. Und natürlich zum Spaß.

Und kommt man damit über die Runden?

Dazu möchte ich mich nicht äußern. Nächste Frage.

Sie gelten als Ikone des Underground-Comics in Deutschland. Man denkt an Bullen und Seyfried-Wannen - die gerade ausrangierten Transporter der Berliner Polizei. Stimmt es, dass Sie auch viele Fans bei der Polizei haben?

Es hat den Anschein, denn ich bekomme hin und wieder Besuch. Manchmal werde ich auch in die Polizeikantine eingeladen, eine eher zeitraubende Angelegenheit, zumal das Essen wirklich nicht sehr anspruchsvoll ist ... Auch zu meinen Signierstunden erscheinen gelegentlich Freunde und Helfer, zum Schrecken einiger Fans, die ihre Joints in der Hosentasche verschwinden lassen.

In Ihren Comics haben Sie immer alles verarscht: den Staat, die Bullen, die linke Bewegung und sogar sich selbst?

Die Muttersprache und das Vaterland! Ich verarsche eben gern, und unser Land hat es nötig.

Finden Sie auch heute noch genug Anlass für bösartige Kommentare?

Mehr als genug. Damals wie heute weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. In meinem "zeichenblog" in der taz kommentiere ich zum Beispiel gern die Aktivitäten unseres schneidigen und extrem demokratischen Innenministers. Er hat ja den verständlichen Wunsch, jeden Einzelnen von uns genau im Auge zu behalten, und dabei stehen ihm natürlich allerlei dumme und längst überholte Verfassungsrechte im Weg. Ein spannender Kampf!

Wünschen Sie ihm etwa Erfolg?

Das nicht gerade. Aber er steht doch mutig zu seinen unpopulären Ansichten, etwa die Verwendung von Foltergeständnissen, den Einsatz der Bundeswehr im Inland, die Abschaffung der Unschuldsvermutung und sämtlicher Bürgerrechte. Sogar die Guantánamo-Parks will man ihm madig machen, die er in Merkelburg-Vorpommern für die G-8-Kritiker einrichtet.

Sie scheinen keine gute Meinung von Herrn Schäuble zu haben?

Es bedurfte schon einer internationalen Anstrengung, die Gestapo loszuwerden, die Hälfte von uns ist immer noch heilfroh, dass die Stasi endlich weg ist, und jetzt kommt eine große Koalition daher und installiert so eine staatliche Terrororganisation zum dritten Mal!

Mit ihrer Kollegin Ziska arbeiten sie seit 1990 zusammen. Wie hat sich diese Kooperation auf ihre Arbeit ausgewirkt ?

Ziska und ich haben sehr schöne Comics zusammen gemacht. Unsere Future-Subjunkie-Serie etwa war zwar ein Bruch mit meinen klassischen "Seyfrieds", aber nicht weniger politisch - anders halt, radikaler, härter. Wir wollten zeigen, wo es hinführt, wenn nichts passiert, wie die Welt kaputtgemacht wird, die Gefühle absterben, die Natur zerstört wird. In unserem vorerst letzten gemeinsamen Band, "Starship Eden", dominiert der Humor wieder, in einer ziemlich bösartigen Form. Hier verarschen wir Nazis und Faschisten, so gründlich es nur geht. Alle diese Comics sind natürlich auch im aktuellen Sammelband enthalten.

Sie haben in den letzten Jahren zwei Romane veröffentlicht. Wird es noch weitere Comics von Seyfried & Ziska geben?

Aber ja doch. Wir werden bestimmt wieder Comics zeichnen, es passiert ja wahrlich genug, was einen satirischen Kommentar wert ist. Es hat uns immer über Wasser gehalten, über die Dinge zu lachen, so schrecklich sie auch sein mögen. However: Wir arbeiten dran. Im neuen Zweitausendeins-Band ist zum Beispiel eine neue Geschichte drin: Der Fluch der Nippon-Ziege. Hier verarschen wir uns selber, auf allerdings nur 14 Seiten. Wir wollen auch wieder ein Album machen, darüber denken wir nach.

Vorläufig arbeiten Sie noch an Ihrem nächsten Roman über die militärischen Abenteuer des Deutschen Reiches in China vor hundert Jahren. Ein zeitlich doch ziemlich weit entferntes Ereignis ...

... das aber gerade wieder schwer in Mode kommt. Politiker fast aller Parteien arbeiten darauf hin, auch das "Militärbündnis 90/Die Olivgrünen", im Rahmen des globalen Bushismus. Den sollte man aber nicht mit Neokolonialimperialismus verwechseln, denn es geht um einen freiheitlich-demokratischen Kreuzzug zur Freisetzung der Ölreserven, die in unterirdischen Gefängnissen vor sich hin schmachten.

Apropos Bush! Sie haben gerade den Wilhelm-Busch-Förderpreis erhalten, aber nicht für Ihre Zeichnungen, sondern für ein Gedicht.

Ja, ein Gedicht über das spannende Verhältnis zwischen Autoren und Lektoren. Es heißt "Lektorat" und ist auf meiner Website und im zeichenblog zu finden.

Das Buch: Seyfried & Ziska: "Die Comics - Alle!", 700 Seiten, Zweitausendeins, 39,90 Euro

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