Proteste bei Eon-Hauptversammlung: "E - wie enteignen"

Umweltschützer nutzten die Hauptversammlung des Energiekonzerns Eon, um mit der Unternehmenspolitik abzurechnen. Doch Eon-Chef Bernotat will weiter auf Kohle und Atom setzen.

Ärger für die Stromkönige: Attac-Mitglieder gegen die deutschen Energieriesen Bild: rtr

ESSEN taz Umweltschützer, Atom- und Kohlekraftgegner wie Globalisierungsgegner haben bei der Hauptversammlung des Eon-Konzerns gegen die Geschäftspolitik des größten deutschen Energieversorgers protestiert. Bereits am Eingang der Essener Grugahalle begrüßten Transparente mit Aufschriften wie "Neue AKW für Europa - Reibach für Eon, Risiko für alle" die Aktionäre. "E - wie enteignen", konnten die Shareholder auf einem anderen Plakat in Anlehnung an den Slogan "E - wie einfach" einer Eon-Billigtochter lesen.

Die Umweltorganisation urgewald verteilte knapp 1.000 alternative, kritische Geschäftsberichte an die Aktionäre. "Das Herzstück von Eons Geschäften sind nach wie vor dreckige Energie und dreister Machtmissbrauch", so urgewald-Geschäftsführerin Heffa Schücking - heute stammen 37 Prozent des Eon-Stroms aus Kohle-, knapp 50 Prozent aus Atomkraftwerken. Im Jahr 2007 erzielte der Energieriese damit einen Überschuss von 7,2 Milliarden Euro, knapp 30 Prozent mehr als 2006. Der Gewinn stieg um zehn Prozent auf 9,2 Milliarden Euro.

Auch während der Hauptversammlung selbst konnten die Umweltschützer ihre Argumente vortragen. Möglich wurde dies durch die Organisation der kritischen Aktionäre, die den Umweltschützern ihr Rederecht überließ. So warnte etwa Rolf Wich von der Bürgerinitiative 'stop staudinger' vor dem Bau des sechsten Blocks des Kraftwerks Staudinger im hessischen Großkrotzenburg bei Hanau, der jährlich mindestens 5,2 Millionen Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen soll.

"Ihre Eon AG ist gerade dabei, dramatisch an gesellschaftlicher Akzeptanz zu verlieren", so Wich zu den Aktionären - schließlich haben sich bisher nicht nur Anwohner und Bürgerinitiativen, sondern auch zahlreiche Städte und Gemeinden gegen die CO2-Schleuder ausgesprochen. Dabei habe Eon-Vorstandschef Wulf Bernotat angekündigt, das Kohlekraftwerk nicht gegen den Willen der Bevölkerung auszubauen.

Von dieser Zusage aber wollte Konzernchef Bernotat am Mittwoch nichts mehr wissen. Erst bei einer definitiven Ablehnung durch die hessische Politik werde Eon die Ausbaupläne stoppen. Stattdessen nutzte Bernotat seine Antwort zu einem weiteren gebetsmühlenartigen Bekenntnis zur Stromerzeugung aus Kohle und Atomenergie. "Noch in Jahrzehnten werden wir Kohle und Gas in der Stromversorgung brauchen", hatte der Manager schon in seinem Eingangsstatement zur Hauptversammlung betont. "Und nach meiner Überzeugung ebenso auch die Kernenergie." Er appelliere deshalb an die "ökonomische Vernunft der Politik", so Bernotat unter nur verhaltenem Applaus seiner Aktionäre - obwohl er an dieser ökonomischen Vernunft seit der politischen Absage an das Kohlekraftwerk Moorburg durch die schwarz-grüne Koalition in Hamburg hin und wieder zweifle.

Zunehmend genervt reagierte Bernotat wie auch sein Vorgänger als Konzernvorstand, Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann, gerade auf Kritik am Atomkurs seines Unternehmens. Unterstützt durch die kritischen Aktionäre konnten Atomkraftgegner weit über eine Stunde lang unangenehme Fragen stellen. Hanna Poddig, Aktivistin der Umweltorganisation Robin Wood, erinnerte an die Brände in den deutschen Atomkraftwerken Krümmel im Juni 2007 und Brokdorf 2008, an denen Eon 50 beziehungsweise 33 Prozent hält. Untragbar sei ein Weiterbetrieb gerade wegen der in der Umgebung des Kraftwerks Krümmel aufgetretenen häufigen Fälle von Leukämie. "Wenn Sie das Verantwortung nennen, sprechen wir verschiedene Sprachen", rief Poddig Eon-Chef Bernotat zu.

Erfolgreich war auch der Auftritt des russischen Anti-Atomaktivisten Vladimir Sliviak von der Umweltschutzorganisation ecodefense. Wie lange die Eon-Tochter Urenco noch radioaktives und hochgiftiges Uranhexafluorid nach Russland schaffen wolle, hatte Sliviak bereits im vergangenen Jahr auf der Eon-Hauptversammlung gefragt -- Urenco betreibt im münsterländischen Gronau die einzige Urananreicherungsanlage der Bundesrepublik, bei deren Betrieb der Atommüll entsteht. Der Export der Uranhexafluorid-Abfälle nach Russland werde im kommenden Jahr eingestellt, kündigte Eon gestern an. Bis 2009 sollen allerdings noch einmal 6.000 Tonnen Atommüll in geschlossene Atomstädte Sibiriens gebracht werden, wo die Fässer selbst durch Google Earth gut sichtbar unter freiem Himmel vor sich her rosten, warnte Matthias Eickhoff von der Initiative Sofortiger Atomausstieg aus Münster.

Gemeinsam forderten Umweltschützer, Atom- und Kohlekraftgegner wie Attac am Mittwoch die Verbraucherinnen und Verbraucher erneut zu einem Boykott des im Jahr 2000 durch eine Fusion der Versorgungsunternehmen Veba und Viag entstandenen Stromversorgers auf. Eon werde seine Geschäftspolitik erst auf Druck des Marktes hin ändern, ist urgewald-Geschäftsführerin Schücking überzeugt. Die Umweltaktivistin ruft deshalb zum Wechsel zu einem der vier deutschen Anbieter auf, die ausschließlich Ökostrom im Programm haben -- am besten "nicht sang- und klanglos, sondern mit einem Abschiedsbrief, der Eons offen klima- und umweltfeindliche Kohle- und Umweltpolitik im In- und Ausland kritisiert".

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