US-Präsidentschaftskandidat John McCain

"Danke für die Frage, kleiner Idiot"

Obama im Irak, Obama in Israel, Obama an der Siegessäule - Moment, da gibts doch noch einen: Was macht eigentlich Präsidentschaftskandidat John McCain?

Keineswegs immer nur ungeschickt: John McCain Bild: dpa

Sein Kampfjet ist über Vietnam abgestürzt, er hat fünfeinhalb Jahre im Folterknast der Vietcong überlebt, sein fieser Hautkrebs gilt als kuriert. Aber erst jetzt kämpft John McCain den Kampf seines Lebens. Er will der nächste republikanische Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Und dafür muss er jetzt endlich mal lernen, den Mund aufzumachen. Und zwar so, dass die Konkurrenz von den Demokraten nicht mehr vor Schadenfreude quietscht und seine Parteifreunde nicht länger Stoßgebete zum Himmel senden, Er da oben möge doch Rednertalent zur Erde senden.

1936: John Sidney McCain III wird auf der US-Basis Coco Solo geboren. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren Admirale der Navy. Die Familie zieht wegen des Vaters etliche Male um, John besucht zwanzig verschiedene Schulen. Im Jahr 1954 tritt er in die US Naval Academy ein.

1967: Der Marineflieger John McCain wird bei einem Angriff auf ein Wasserkraftwerk bei Hanoi abgeschossen und kommt in vietnamesische Gefangenschaft. Im berüchtigten Lager "Hanoi Hilton" wird er gefoltert, es bleiben körperliche Behinderungen. Das Angebot, vorzeitig freizukommen, lehnt McCain ab - er will weder Privilegien für sich noch den Propagandaerfolg für die Vietnamesen. Im Jahr 1973 kommt er frei.

2008: John McCain geht aus den Vorwahlen im März in Ohio überraschend als republikanischer Präsidentschaftskandidat hervor. Der Senator aus Arizona war 2000 schon einmal gegen George W. Bush angetreten. Im aktuellen Wahlkampf erregt er immer wieder Aufsehen mit liberalen Positionen - so will er neue Wähler an die Republikaner binden.

Damit er bei seinen Zuhörern nicht mehr diese bizarren Lacher provoziert. Damit er wichtige Wörter nicht so aus den Mundwinkeln knautscht und die Pointen seiner Reden killt. Damit er einmal weniger als hundertmal am Tag sein anbiederndes "my friends" sagt. Damit er endlich den Kampf gegen seinen alten Widersacher, den Teleprompter, gewinnt. Alles, um die Fallhöhe zu seinem talentierten Gegner Barack Obama zu verringern.

Es ist nämlich keineswegs so, dass Barack Obama das Rennen quasi schon gewonnen hätte. Nicht nur, dass John McCain in den Umfragen nur zwischen fünf und sieben Punkte hinter dem Weltreisenden aus Illinois liegt - seine Wahlkampfkasse ist mit 95 Millionen Dollar sogar etwas besser gefüllt als die von Obama. Nicht zu unterschätzen sind auch die Wähler der beiden Kandidaten. Während Obama vor allem bei Frauen, Schwarzen, Hispanics und jungen Wählern gut abschneidet, kann sich der 71 Jahre alte McCain auf die weiße Mittelschicht und die Senioren verlassen. Und keineswegs ist er immer nur ungeschickt. Der freundliche Herr mit der sanften Stimme kann auf kleinen Bühnen sehr wohl glänzen, in Town Hall Meetings, im Gespräch mit Wählern.

Aber im Hauptwahlkampf geht es nun mal um große Reden auf großer Bühne an das "Große Amerikanische Volk" - und da empfinden es nicht alle als guten Humor, wenn er über seinen Vorwahlkampfkonkurrenten Mitt Romney sagt: "Man soll sich nie auf einen Ringkampf mit einem Schwein einlassen. Beide werden dreckig. Und Schweine mögen das." Möglicherweise jedoch lacht Romney zuletzt - er wird als McCains heißer Vizepräsidentschaftskandidat gehandelt.

Auf diese Art, fürchten selbst Wohlmeinende, redet John McCain sich um Kopf und Kragen. Deshalb arbeiten nun ständig neue Berater und alte Strategen wie Bushs berüchtigter PR-Guru Karl Rove daran, seine verbalen Ausrutscher und nonverbalen Ticks zu reduzieren und McCains hitziges Temperament zu zügeln. Beispielsweise in der öffentlichen Anwendung seines ruppigen Lieblingsschimpfwortes "Yerk" - hör mal. Solcherart wies er einen jungen Mann zurecht, der den 71-jährigen Senator auf sein Alter ansprach. "Yerk, du hast meine 95-jährige Mutter gesehen. Das sind die Gene, die ich habe. Ich arbeite rund um die Uhr, bin sehr aktiv und engagiert, ich habe Spaß am Leben! Aber Danke für die Frage, du kleiner Idiot."

Natürlich wollte McCain, der selbst witzelt, er sei "älter als Dreck" und habe "mehr Narben als Frankenstein", seine Kampagne auf "Erfahrung" und "Führungsstärke" aufbauen. Aber dann haben seine Leute gemerkt, dass in diesem Wahlkampf kein Weg an der tiefen Sehnsucht der Amerikaner nach Wandel vorbeigeht. Also versuchten sie, Obama und seinen Slogan "Change we can believe in" als Chimäre darzustellen und McCain als den Präsidenten aufzubauen, der es wirklich bringt. So holperte er denn: "Bei dieser Wahl geht es um richtigen oder falschen Wandel, ob wir vorwärts gehen oder zurück." Zu allem Unglück wählte er dafür auch noch das Banner "The Change You Deserve" - der Wandel, den du verdienst -, das sich als Werbeslogan für ein populäres Antidepressivum herausstellte.

Und dann wären da noch McCains Inhalte. Um sich von seinem Parteifreund George W. Bush, dem nunmehr unbeliebtesten Präsidenten aller Zeiten, abzusetzen, betont McCain derzeit seinen Ruf als "Maverick". Als unabhängiger Quertreiber hat der Senator in der Tat mehrfach gegen die Marschroute der eigenen Regierung gestimmt. Aber im Wahlkampf bürstet McCain nun mehrfach seine eigene Meinung quer. So hat er im Kongress schon zweimal gegen die "unanständigen" Steuererleichterungen für Reiche gestimmt, die den Staat bislang knapp zwei Billionen Dollar gekostet haben. Nun, im Wahlkampf, will er sie verlängern und verspricht, trotz des gigantischen Haushaltsdefizits, weitere Steuersenkungen für Unternehmen.

Wegen seiner Foltererfahrungen hat sich McCain eigentlich stets gegen die Foltererlaubnis für US-Geheimdienste ausgesprochen. Uneigentlich stimmte er schließlich nicht für den oppositionellen Gesetzentwurf, dass die US-Sicherheitsdienste wieder die Genfer Konventionen einhalten müssen.

Er setzte sich früh für die Schließung des US-Gefangenenlagers Guantánamo ein. Aber das Urteil des Supreme Courts, das die Behandlung der Häftlinge dort als verfassungswidrig bezeichnete, kommentierte er mit den Worten, dies sei "eine der schlimmsten Entscheidungen in der Geschichte unseres Landes", die Rechte der ausländischen Feinde seien bereits "mehr als ausreichend". So nehmen McCains Übereinstimmungen mit der Bush-Regierung jeden Tag zu.

Beim Thema Irakkrieg, beim Festhalten an einem Gesundheitssystem, das 50 Millionen Unversicherte hervorbringt, stand er schon immer stramm an der Seite des Präsidenten. In der Ablehnung des Abtreibungsrechts übertrumpft McCain ihn sogar noch. Und so warnen die Demokraten die Wähler nun genüsslich vor "McBush" und einer dritten Amtszeit für all die fehlgeschlagenen Konzepte der Republikaner.

Inhaltlich setzt sich McCain in drei Punkten vom Amtsinhaber ab: Auf der internationalen Bühne verfolgt der 71-Jährige ein deutlich diplomatischeres Auftreten der Supermacht als den Alleingang, der Bush in der Welt so alt aussehen lässt. Anders als der Präsident setzt sich der regelmäßige Teilnehmer der Münchner Sicherheitskonferenz für einen Rüstungskontrollvertrag mit Russland ein, außerdem für die Abschaffung taktischer Nuklearwaffen in Europa und eine Stärkung des Atomwaffensperrvertrages. Vor allem in der Umweltpolitik konterkariert der Kandidat die amtierenden Chefignoranten im Weißen Haus: McCain will endlich verbindliche Grenzen für Erzeuger von Treibhausgasen und einen Emissionshandel einführen.

Derart um neue Wählergruppen kämpfend, vergrätzt er die alten. Seine Mutter hat es von Anfang an gewusst. "Ich glaube nicht, dass mein Sohn die Unterstützung der Parteibasis hat", sagte Roberta McCain im Januar und präzisierte: "Etliche republikanische Wähler halten sich die Nase zu." So ist es. Die religiöse Rechte hat nicht vergessen, dass er wiedergeborene Christen "Agenten der Intoleranz" genannt hat. Konservative Ideologen ätzen, McCain sei gar kein Konservativer - weil er gegen Bushs Steuererleichterungen und für die Limitierung privaten Geldes in Wahlkämpfen gestimmt hat, weil er sich für eine Migrationsreform und die Legalisierung von Einwanderern eingesetzt hat und die Treibhausgasindustrie deckeln will.

Da aber hat sich der Quertreiber selbst quergetrieben: McCain will nun doch die Grenzen gegen Illegale sichern, hundert neue Kernkraftwerke bauen und tut plötzlich so, als ob die USA in Alaska und anderen Naturschutzgebieten nach ihrer energiepolitischen Unabhängigkeit bohren könnten.

Sein Dilemma ist: McCain will, dass der Irakkrieg Topthema des Wahlkampfes wird. Im "Kampf gegen den Terror" kann er sich als unangreifbarer Patriot und Landesverteidiger rühmen, der die Truppenaufstockung, genannt "Surge", gegen die hadernde Bush-Regierung durchsetzte, als die Mehrheit der Amerikaner schon nichts lieber wollte als raus aus dem Schlamassel. Aber je erfolgreicher die "Surge" nun ist, desto weniger interessieren sich die Amerikaner für den Irak und desto mehr rücken die heimischen Themen in den Vordergrund.

Zuvorderst die Banken- und Wirtschaftskrise, ein Thema, von dem McCain im Vorwahlkampf so nonchalant wie ehrlich gesagt hat, davon habe er keine Ahnung. Seither versuchen seine Berater krampfhaft, das zurückzuholen. Sehr krampfhaft: Erst kürzlich sagte sein Top-Wirtschaftsberater Phil Gramm, die Krise sei nur eine "mentale Rezession" und die US-Amerikaner "eine Nation von Jammerern". McCain schüttelte sofort das weiße Haupt und sagte: "Ich bin völlig anderer Meinung." Auf die Nachfrage, ob Gramm einen wichtigen Posten in einer McCain-Regierung bekleiden werde, sagte der Senator mit dem besonderen Humor: "Ich glaube, ich würde Senator Gramm ernsthaft als Botschafter für Weißrussland erwägen. Obwohl ich nicht sicher bin, dass die Bürger von Minsk das begrüßen würden." Da die USA zu dem "Schurkenstaat" keine diplomatischen Beziehungen haben, stellte McCain seinen Wahlkampfberater am nächsten Tag kalt.

Nein, diese Kampagne ist bislang keine Rakete. Erstmals seit langem sind die Quoten des erzkonservativen Haussenders Fox News gesunken, selbst Rupert Murdoch flirtet öffentlich mit den Demokraten. Aber die haben ja Erfahrung im Verlieren nicht zu verlierender Wahlen - und warnen sich nun gegenseitig, sich bloß nicht zu früh zu freuen.

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