Münchner Pinakothek der Moderne: No-go-Deutschland

Die Münchner Pinakothek der Moderne zeigt Eva Leitolfs fotografische "Spurensuche" an Schauplätzen fremdenfeindlicher Gewalttaten.

Wenn große Künstler ab der Lebensmitte frühere Motive aufgreifen, müssen sie sich schon die Anmerkung gefallen lassen, sie wollten noch einmal eins draufsetzen. Georg Baselitz sah seine provokante "große Nacht im Eimer" aus den Sechzigern Jahrzehnte später statt in zähem Öl in zartem Aquarell (Remix 2005). Goethe ließ seinen Urfaust von 1770 sechzig Jahre danach auf einem Teppich fliegen und schuf "der Tragödie zweyten Theil". Und Edgar Degas malte ein Leben lang nymphenhafte Ballerinen.

Solch ein Künstler-Typus ist Eva Leitolf nicht. Sie ist jung, weiblich, kein bisschen nostalgisch. Und wenn die heute 42-Jährige an Arbeiten anknüpft, die sie in den Neunzigern mit Mitte zwanzig zum Abschluss ihres Fotografiestudiums in Essen eingereicht hat, dann blickt sie nicht zurück, sondern springt mitten in die Gegenwart.

"Deutsche Bilder - eine Spurensuche" heißt das Projekt, das sie über eine Dekade nicht losließ. Derzeit ist es in der Münchner Pinakothek der Moderne ausgestellt: Zwölf Fotografien aus einem ersten Bilderzyklus (1992 bis 1994), daneben rund zwei Dutzend ihrer jüngsten Arbeiten (2005 bis 2007). Ihre Suche führt die Fotografin an jene deutschen, oft ostdeutschen Plätze, wo Skinheads oder rechtsradikal gesinnte Jugendliche ihrem Frust freien Lauf ließen und "Ausländer", meist Deutsche mit dunkler Haut, beleidigten, zusammenschlugen oder ermordeten. Ihre erste Bildserie widmet sie einem Deutschland, das nach der Wende nach einer neuen Identität sucht; ihre spätere einem Land, das anlässlich einer Fußball-WM darüber nachdenkt, Gästen Karten mit "No-go-Areas" auszuhändigen.

Eva Leitolfs Fotografien zeigen Parks im Morgenlicht, U-Bahn-Stationen bei Nacht, vereinsamte Straßen. In ihrer Anmutung erinnern sie beinahe an die Malereien von Giorgio di Chirico, so menschenleer, so verstörend leblos; doch sind Leitolfs Motive keine Wüstenlandschaften, sondern deutsche Groß- und Kleinstadtszenarien, wie sie an jeder Ecke zu finden sind - "Allerweltsorte", sagt die Künstlerin. Auf den Bildern aus den Neunzigern sind gelegentlich noch Menschen zu sehen. Doch alle Arbeiten wirken so dumpf, als ob sie ihre Geschichte erstarren ließ. Lebendig-tote Orte. Zombie-Orte.

Ihre neueren Fotografien, auf denen der Schwerpunkt der Münchner Schau liegt, versteht die Künstlerin als Bild-Text-Arbeiten. Aus Medien und Polizeiberichten hat sie die Fakten über jeden Tatort und -hergang zusammengetragen und in einer Art Zeitung festgehalten, die vor dem Ausstellungsraum ausliegt. Meist hat sie darin die Urteile festgehalten: Jugendstrafe auf Bewährung, Freispruch, gelegentlich zwei oder auch mal vier Jahre Haft. Zu einem Foto schreibt sie: "Das Gericht konnte keine ausländerfeindlichen Motive erkennen. Die Rufe hätten lediglich auf die Ausländereigenschaft der Opfer angespielt." Auf dem Bild sind zwei Industrieschlote zu sehen, von denen der eine raucht, der andere sinnlos in die Höhe ragt. Davor: ein graugrüner Fluss. Leitolfs Kamera blickt durch Büsche, Äste schieben sich vor die Linse, als bahne sich der Betrachter selbst an einem Regentag den Weg hinunter zur Spree. Mitte der Neunziger ist genau hier ein polnischer Bauarbeiter ertrunken. "Eine Gruppe junger Deutscher" hatte ihn ins Wasser getrieben, ihm "Polacken, verpisst euch!" hinterhergeschrien und ihn mit Gewalt daran gehindert, wieder an Land zu kommen - bis sie ihn in der Ferne untergehen sahen. Längst sind alle Spuren verwischt. Längst ist die Straftat juristisch und medial aufgearbeitet. Die künstlerische Auseinandersetzung von Eva Leitolf setzt da an, wo die gesellschaftliche bereits beendet ist.

Leitolf prangert an, wie die Medien die Verbrechen kurz aufgegriffen, hochgehypet, drastisch bebildert und schließlich wieder fallengelassen hätten. Sie möchte zeigen, was Fotografie darüber hinaus noch leisten kann. In Abgrenzung gegen die unruhige "Bilderflut", die sie kritisiert, werden Leitolfs Arbeiten getragen von einer großen Stille.

Ihre Fotos möchten dem Geschehenen eine "Bühne" bieten. Durch die konsequente Suche nach dem Stillstand, der jedem Gewalteinbruch folgte, schafft Leitolf einen Raum für persönliche Assoziationen; ähnlich wie in ihrem vorangegangenen Bildband, in dem sie 2004 die Kriminalgeschichte von Namibia zu greifen versuchte. Nun besinnt sich Eva Leitolf auf ihre eigenen Anfänge zurück und entwickelt sie fort. All ihre Schauplätze werden dem (deutschen) Betrachter vage bekannt vorkommen. Leitolf zieht ihn eng heran in eine große Vertrautheit, die sie aber sofort wieder zerstört durch die dumpfen, trostlosen Farben und die übergenaue Komposition ihrer Bilder. Zuhause wird sich in solchen Bildwelten niemand fühlen können. Vielmehr scheint es, als sei die Akribie der Künstlerin ein letzter Versuch, das Unfassbare doch noch unter Kontrolle zu bekommen - und sei es nur, indem die Kulisse der unvorstellbaren Brutalitäten zeitlos, aber nicht harmlos in einen Rahmen gepresst wird.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de