Obamas Vizepräsidentschaftskandidat Joe Biden

Volksnah, redselig und erfahren

Präsident der USA ist er nicht geworden. Doch immerhin ist der 65-jährige Politikveteran und Senator aus Delaware, Joe Biden, jetzt Vize des demokratischen Kandidaten Obama.

Er redet geradeaus - verbale Disziplin war bisher nicht gerade sein stärkster Sport. Bild: dpa

Was für ein echt amerikanischer Charakter. Am Samstag wiederholte Joe Biden, "zum hundertsten Male", was sein Vater immer zu ihm sagte: "Es kommt nicht darauf an, wie oft dich das Leben niederwirft. Es kommt darauf an, wie schnell du wieder aufstehst." Wie schnell, nicht ob. Seinen Amtseid als Senator für Delaware leistete Biden am Krankenbett seiner kleinen Söhne, nachdem ein Betrunkener seine Frau und ihre einjährige Tochter totgefahren hatte. Da war er gerade 30.

Seither, also seit 35 Jahren, pendelt der Jurist jeden Werktag mit dem Zug von dem trauten Örtchen Wilmington in die Hauptstadt, seiner Kinder wegen. Unterwegs kennt er jeden Schaffner. Kräftig, feingliedrig, witzig und nun silberhaarig strahlt er die Würde der Arbeiterschaft aus. Er redet auch so: geradeaus. Und das, obwohl, oder weil, es nicht geradeaus für ihn ging.

Sein gleichnamiger Vater war reich, wurde arm und hielt am katholischen Glauben fest, dass es Vergebung und ein besseres Morgen gibt. Dafür arbeitete der Senior in zwei Billiglohnjobs auf einmal und ließ auch am Wochenende nicht locker. Sein Sohn stotterte und wurde in der Schule "B-b-b-iden" gerufen. Später, so scheint es, sagte der Junior all das, was das Kind sich verkniff. Kein Kommentator, dem nicht angenehm auffiel, dass seine erste Rede als Vizepräsidentschaftskandidat 15 Minuten kurz war. Auf die längliche Frage in einer Vorwahldebatte, ob er garantieren könne, als Amtsträger die nötige verbale Disziplin aufzubringen und sich nicht um Kopf und Kragen zu reden, lachte Biden und sagte kurz und knapp: "Ja." Das Publikum amüsierte sich königlich.

1987 war ein schwarzes Jahr für ihn. Sein erster Anlauf, Präsident zu werden, scheiterte, weil seine flammende Rede, mit der er Amerikas Ideale wiederbeleben wollte, von dem britischen Labourführer Neil Kinnock abgeschrieben war. Kurz darauf wurden bei ihm zwei Hirntumore diagnostiziert.

Doch auch diese Krise meisterte er. Als Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Senat kennt er alle Welt. Die Welt des Joe Biden kennt keine unwiderruflichen Feinde. Er hat den Ruf, kooperativ zu sein.

Er kann über sich selbst erschrecken und dazulernen. Anfang des Jahres sagte er, Obama sei "der erste Mainstream-Afroamerikaner, der sich gut ausdrückt, intelligent und sauber ist und gut aussieht". Biden hat es sofort bereut und sich entschuldigt. Und er hat ein Herz für Frauen. Federführend formulierte er das Gesetz zur Eindämmung von Gewalt gegen Frauen. Über seine zweite Frau Jill Tracey sagte er am Samstag, sie sei "großartig". Man glaubt ihm, dass er das verdient hat.

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