Kolumne Wechseljahr 2008: Die Sache mit dem Baby

Wie fühlt sich Amerika? Dagmar Herzog über die Verfasstheit einer Changing Nation.

"Vorher waren sie begeistert über sie mit dem Downsyndrom-Baby. Aber nun mit dieser Sache sind sie völlig aus dem Häuschen vor Glück." So der Erzkonservative Grover Norquist über die Enthusiasmuswelle unter rechtstendierenden Evangelikalen für John McCains neue Kampagnenkumpanin, Sarah Palin, die Gouverneurin von Alaska.

Mit "dieser Sache" meint Norquist die Bekanntmachung der Schwangerschaft von Palins unverheirateter 17-jähriger Tochter Bristol - selbstverständlich mitsamt dem Versprechen, dass Bristol ihren Freund ehelichen und das Baby austragen wird. Was aus liberaler Kommentatorensicht zuerst als unvorhergesehene mögliche Schwierigkeit für Sarah Palins Aufstieg erschien (Palin ist Befürworterin des neuesten konservativen Fimmels, die Erziehung zur Abstinenz), erwies sich innerhalb weniger Stunden als anscheinend ausgezeichneter Rückenwind.

Die Lobeshymnen auf Palin unter Rechtsevangelikalen wegen Bristols unehelicher Schwangerschaft überboten sich in emphatischer Heftigkeit. "Dies ist die lebensbejahende Wahl. Dass Leute sie dafür kritisieren werden, zeigt einfach den frappierende Umfang der Ignoranz der säkularen Kritiker der Lebensschützerbewegung, so Richard Land, führende Figur der konservativen Baptisten. Und: "Christsein bedeutet nicht, dass man perfekt ist …Die Medien versuchen schon, dies als Beweis zu benutzen, um Gouverneurin Palin als "Heuchlerin" darzustellen. Tatsächlich bedeutet es nur, dass sie und ihre Familie einfach menschlich sind," so James Dobson, Präsident der einflussreichen sexualkonservativen Lobby Focus on the Family. Republikanische Wähler - gerade Frauen - lieferten eine Fülle zusätzlicher Unterstützung. Palins persönliche Seifenoper scheint das Beste zu sein, was der republikanischen Partei in letzter Zeit passiert ist. Weit davon entfernt, irgendwie peinlich oder ein Zeichen von McCains Entscheidungsinkompetenz zu sein, entpuppen sich Palins offensichtliche persönliche Widersprüchlichkeiten als Geschenk des Himmels. Vor allem: Was das Drama um ihre Tochter zu Tage gefördert hat, ist das Ausmaß der Wut gegenüber der vermeintlichen Überheblichkeit der säkularen Liberalen, die sich angeblich für etwas Besseres halten als die Durchschnittsbürger mit ihren allzu menschlichen Unvollkommenheiten. Der Sturm der Entrüstung über die liberalen Vorwürfe, dass Bristols Schwangerschaft die Scheinheiligkeit der evangelikalen Konservativen bezeugen würde, lässt nicht nach, sondern wird immer stärker und aggressiver.

Barack Obama übt sich unterdessen in Zurückhaltung. Er hat nicht nur sofort darauf insistiert, dass das Recht auf Privatsphäre der Kandidaten geachtet werden muss, sondern auch freimütig vermerkt, dass seine eigene Mutter bei seiner Geburt 18 Jahre alt gewesen war. Es ist aber unklar, ob diese beeindruckend ethische Haltung genügen wird, um Palins Triumphzug aufzuhalten.

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