SOZIALES GEGENEINANDER

Bitte, danke

Ein wirksames Mittel gegen Lethargie und Alltagsfrust

Rücksichtslos, unfreundlich und aggressiv – so ist er angeblich, der Berliner, während der Hamburger für seine hanseatische Zurückhaltung bekannt ist. Seit ein paar Wochen bin ich nun in Berlin. Aus Hamburg. Und eigentlich nicht mal das. Ich komme ursprünglich aus einer Kleinstadt in Südniedersachsen.

Wie dem auch sei, danach fragt ja ohnehin niemand. Ich muss mich hier durchkämpfen, Tag für Tag. Ständig bin ich entweder zu langsam oder zu zurückhaltend. In Warteschlangen, beim Einpacken an der Kasse, beim Einsteigen in die Bahn. An der Supermarktkasse wurde ich neulich von einem blinden Mann überholt, und gestern stand ich einfach deswegen im Türbereich der U-Bahn, weil mir eben jemand den letzten Sitzplatz weggeschnappt hatte. So lehnte ich mit dem Ellbogen auf der Trennwand zu den Sitzplätzen, dann rutschte ich ab. Das blonde Mädchen neben mir hob den Kopf und schaute mich fragend an. Ich hatte ihr gerade eine Kopfnuss verpasst. Erschrocken über meinen spontanen Angriff schaute ich fragend zurück, dann entschuldigte ich mich. Es war ja nur ein Versehen.

Das allein wäre also noch gar nicht so schlimm gewesen, hätte ich nicht auch noch die nächsten zehn Minuten darüber lachen müssen. Ich fühlte mich geradezu beschwingt, während mich die anderen Fahrgäste irritiert ansahen. Das steckt also dahinter: Wahllose Angriffe auf Mitmenschen sind ein wirksames Mittel gegen Lethargie und lähmenden Alltagsfrust. Das gilt nicht nur für Berliner. Dieses Wissen sollte man in die Welt tragen – ein Plädoyer für mehr soziales Gegeneinander, das sollte mal jemand schreiben. Und „bitte“ und „danke“ gleich mit abschaffen, braucht doch kein Mensch. Außerdem nutzen sich vom Sprechen die Sprachorgane ab, man sollte sich auf das Nötigste beschränken. In diesem Sinne: Liebe Berliner, ihr seid auf dem richtigen Weg! JULIA MATEUS