die wahrheit

Frühlingsflut am Redefluss

Den Weg entlang am Redefluss zu nehmen, ist nicht leicht. Der Deich ist beinahe überspült, der Rede Flut bedrohlich angeschwollen. Der Frühling naht...

... das Eis des Schweigens ist gebrochen, im winterlichen Wortgebirge taut der überflüssige Palaverschnee. Vokabelschollen türmen sich, und die Dingwörter sind in den Fluss geraten. Gar nicht stumm taumeln sie stromabwärts. Nun flüstert niemand mehr, die Verse schreien ohrenbetäubend im steigenden und fallenden Takt: "Talk, Talk, Talk." Und alle Wasserarme vereinigen sich, bis sie ins Meer der Stille münden.

Vater Reim ist nicht fein anzusehen. Er trägt sein dunkelbraunes Kleid, das übel aufgequollen. Er raunt und ächzt und stöhnt und zischelt unter der Last des tauenden Geschwätzes. Ein einzig Stampfen und Krachen bietet das vom Eise fast befreite Schauspiel. Vom Damm aus links liegt eine Brücke über den Kwai, geschlagen zwischen Wortvergangenheit und -zukunft. Doch hier zählt keine Herkunft mehr. Mitgerissen wird, was nicht niet- und nagelneu ist. Seht dort! Ein Daktylus hebt und senkt sich in den Wellen, die sonst die Modewörter ausspucken. Und schon verschwindet er hinter der Biegung, dorthin, wo das Flussknie gewöhnlich schwache Substantive beugt. Bald ist der Rubikon überschritten.

Einer Sachbuche in der Böschung droht der erste Fall. Verzweifelt klammert sie sich mit ihren Sprachwurzeln an den Urschlick der Etyme. Und der gewaltige Redestrom murmelt im Brustton der Überzeugung seinen unabänderlichen Kommentar: "Wer oder was? Wer oder was? Wer oder was?" Irgendwo bellt ein Hurenkind.

Ein Wortstrudel hat sich unter einem Klangpfeiler gebildet. In ihm versinkt eine ganze Sprachfamilie. Rasend schnell verändert hatte sie sich, doch hier ist ihr Weg beendet. Ihr Sinngehalt ist hin für immer. Dafür twittert ein wilder Wasserfall seinen Slang, der allenfalls Gelalle übermittelt: "lol, lol, lol."

Einen vergilbten Einband als Floß nutzend, reiten ein paar Onomatopoesien die Schnellen herab. Ungerührt vom wilden Tosen um sie herum, schauen sie neugierig in die Gegend und grüßen jeden mit ihren Lautmalsalven: "Boing, Blubb, Giggel, Gluck, Pflatsch, Platsch."

Da kommen die Nachzügler. Eine Katachrese treibt vorbei und versucht vergeblich, Halt zu finden bei einem steinalten Symbol, das so zugewachsen ist mit nassem Moos, dass es zu glitschig ist, um Rettung zu bieten. Längst hat jeder vergessen, was nasses Moos bedeutet.

Eine erstarrte Metapher klammert sich an einen Wortbaumstamm und ruft immer wieder mit unerträglicher Überheblichkeit: "Ich will nicht über den Jordan gehen!" Zwei unermüdlich paddelnde Synekdochen brüllen ihr frech hinterher: "Über die Wupper, heißt das!"

Da wird es auch Vater Reim zu viel. Schwer grummelnd überschwemmt er Auen und Niederungen und hält mit vor Wut feuchten Augen eine letzte Rede, die in dem Schlusswort gipfelt: "Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom / Prost, Gemeinde! Ich go home."

Jetzt zieht sich Vater Reim in sein Bett zurück und zeugt mit Mutter Sprache sein siebentausendunderstes Kind. Und endlich ist Frühling.

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