Nach Großrazzia: Nazirocker planen Neues

Ein rechtes Internetauktionshaus ist nach einer Großrazzia abgeschaltet - "vorübergehend", wie die Betreiber ankündigen. Eine Anklage wurde noch nicht erhoben.

Die Plattform war auch ein Tauschplatz für Szenekleidung. Bild: dpa

HAMBURG taz Nach der Großrazzia in der Neonazi-Szene vergangener Woche ist jetzt die rechte Auktionsplattform "Unserauktionshaus.de" im Internet abgeschaltet. Auf der Seite waren unter anderem CDs mit rechten Liedern gehandelt worden. Dies hatte die Polizei auf die Spur der Käufer und Verkäufer gebracht, deren Wohnungen daraufhin durchsucht wurden.

Auf der abgeschalteten Webseite des Auktionshauses kann man derzeit nur noch lesen, man habe die Seite "vorübergehend" vom Netz nehmen müssen. "Weitere Infos folgen." Der Rechtsextremistenexperte Christian Dornbusch, der auch Mitherausgeber des Standardwerks "RechtsRock" ist, vermutet aufgrund der Formulierung, dass ein Neustart schon geplant ist. "Die werden im Internet ein neues Portal einrichten."

Hinter der Webseite steckt offensichtlich Sascha D. aus Stuttgart, auf ihn ist jedenfalls die Internetadresse angemeldet. Der 34-Jährige betrieb nicht nur die Auktionsplattform. Er gehört auch zum Umfeld der Firma "RACords". Der Name leitet sich von "Rock Against Communism" ab. Unter dem Namen dieser Firma werden CDs mit rechtsradikalem Inhalt produziert und vertrieben. Sascha D. selbst spielt auch bei "Carpe Diem" und einer der ältesten Neonazi-Bands namens "Noie Werte" mit.

Am Mittwoch, dem 4. Mai, hatten Polizeikräfte unter Leitung der Staatsanwaltschaft Stuttgart bundesweit 224 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht. Knapp über 200 Nutzer, so das Bundeskriminalamt (BKA), stünden im Verdacht, mit Rechtsrock-CDs gehandelt zu haben. "Eine derartige Aktion hat es in der Bundesrepublik so noch nicht gegeben", sagt Carsten Voß, leitender Direktor des BKA, über die Razzia.

Mehr als 45.000 Tonträger wurden bei der Durchsuchung sichergestellt. Die rund 800 Beamten, die im Einsatz waren, stießen auch auf etwa 70 Waffen - meist Hieb- und Stichwerkzeuge. Eine Handgranate fanden sie zudem.

Geplant war diese Aktion schon länger: Schon im September 2007 hatte die Staatsanwaltschaft bei "Unserauktionshaus.de" eine Durchsuchung durchgeführt - verhaftet wurde Sascha D. damals aber nicht. Die Behörden hatten vielmehr darauf gesetzt, die Nutzer der Plattform zu finden.

Denn damals war das Auktionshaus längst zu "der" Umschlagbörse von rechtsextremen Devotionalien geworden, betont Rechtsrockexperte Christian Dornbusch. Über 2.500 Benutzer sollen sich eingetragen haben, um alte wie neue Szenebekleidung und Rechtsrock-CDs verkaufen oder ersteigern zu können.

Die Bedeutung der Plattform war noch gewachsen, je mehr das bekannte Auktionshaus Ebay versucht hat, den Rechtsrockhandel bei sich zu unterbinden, erklärt Dornbusch und betont: "Rechtsprobleme überwanden die Betreiber bereits öfters." Die Rechtsrockszene sei sehr professionell organisiert, von den über 90 Szenevertreibern böten die meisten ihre Produkte im Internet an.

In den einschlägigen Internetforen geben sich Szenemitglieder, aber auch Betroffene, deren Wohnungen durchsucht worden waren, indes bemüht gelassen. "Die netten Herren standen um Viertel vor sieben im Schlafzimmer", berichtet einer anonym. Ein anderer fragt rhetorisch: "Ach Künstlerfreiheit gilt also nur für antideutsche Hassgesänge und pädophile türkischstämmige Rapper?" Auf diesen Foren ist auch zu lesen, dass offensichtlich die Betreiber des abgeschalteten Auktionshauses Gedächtnisprotokolle über die Durchsuchungen sammeln - wohl um gegen die Polizeiaktion vorgehen zu können.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat indes noch keine Anklage erhoben. 204 Personen stehen im Verdacht, über die Plattform mit rechten Liedern gehandelt zu haben. 100 Beschuldigte sind zwischen 21 und 45 Jahre alt und als rechtsradikal bekannt. Zu den gefundenen Waffen gibt es noch keine näheren Angaben. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit noch die einzelnen Fälle. "Die Auswertungen laufen", sagte Claudia Krauth, Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft, zur taz. "Von Anklagen bis Einstellung der Verfahren ist alles möglich."

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