MANFRED STOLPE IST GESTERN WIEDER EINMAL DAVONGEKOMMEN

Im Dienst der Diktatur

Nahezu 15 Jahre beschäftigt die Frage, welche Rolle die Staatssicherheit in der Biografie von Manfred Stolpe spielt, die deutsche Öffentlichkeit. Inzwischen nur noch beiläufig erwähnt, machte der Fall in den Neunzigerjahren immer wieder Schlagzeilen. Ganze Spiegel-Ressorts nahmen die Fährte auf. Das geschah beileibe nicht, weil in der Bundesrepublik ein Zuviel an Auseinandersetzung mit solcherart Hinterlassenschaften gefragt war. Vielmehr waren es Stolpes ungebrochenes Karrierestreben und seine Verleugnung aller belastenden Fakten und Indizien, die schlagzeilenreif waren.

Als Kirchenjurist und hoher Funktionär in der evangelischen Kirche war Stolpe für das MfS so wichtig, dass er Sonderbehandlung genoss. Seine „dienstlichen Kontakte“ liefen über die Arbeitsgruppe zur Bekämpfung und Zersetzung der Opposition. Stolpe war keiner standardisierten IM-Registrierung unterworfen, er wurde mit Handschlag verpflichtet. Weit mehr als ein gewöhnlicher IM, war er eine für das MfS und die SED eine ungeheuer wichtige strategische Einflussperson auf der anderen Seite. Die Belohnung mit einem DDR-Verdienstorden durch einen MfS-Offizier – von ihm geleugnet, aber nahezu lückenlos rekonstruiert – hätte ihn dann doch fast zu Fall gebracht.

Stolpe definiert seine Rolle bis heute als Mittler zwischen den Fronten. Doch vor allem war er Partei der falschen Seite. Zumindest der Rückzug aus jeder öffentlichen Verantwortung hätte ihm 1989 angestanden – abgesehen von persönlichen Konsequenzen, die er durch seinen Verrat an Oppositionellen hätte ziehen müssen. Stolpe war kein einfacher IM, war nicht Sekretär, sondern Büroleiter im Dienste der Diktatur.

Eine rechtsstaatlich juristische Auseinandersetzung mit solchen Problemen ist notwendig, kann aber auch zu kurz greifen. Mit dem gestrigen Urteil des Bundesverfassungsgerichts scheint Manfred Stolpe wieder einmal Glück gehabt zu haben. Doch das letzte Wort über ihn wird ohnehin die Geschichte in Gestalt eines geduldigen und akribischen Historikers sprechen. WOLFGANG TEMPLIN

Der Bürgerrechtler Wolfgang Templin lebt als Autor in Berlin