Embedded journalism in Afghanistan

Sanft gebettet von General Mama

Wird man von US-Truppen geleitet und genährt, hat ein Besuch in Afghanistan was von Schulausflug mit Schutzweste.

Immer schön im Hintergrund bleiben: Wer embedded ist, kommt nicht wirklich raus aufs Feld. Bild: ap

Ein MRAP, das spricht sich "Em-Räp", ist ein bewaffnetes und gepanzertes Vehikel des US-Militärs. Es mag minen- und anschlagssicher sein, hintendrin ist es jedenfalls sehr eng. Die einander gegenüber Sitzenden müssen die Knie ein bisschen wie beim Tango ineinander verschränken, man hat recht unalltäglichen Oberschenkelkontakt.

Es macht die Lage einer Journalistin nicht einfacher, wenn sie sich beim Einsteigen blöd angestellt hat, die Soldaten sie nur durch ihre tiefschwarzen Sonnenbrillen mustern und während der Fahrt über die afghanischen Holperpisten per Kopfhörer und Funk sicherlich lustige, aber gänzlich unverständliche Dinge austauschen.

Erst kurz vorm Aussteigen fragt einer der Sonnenbrillenmänner endlich, wer man denn sei und woher man komme. Er entpuppt sich als - natürlich - wirklich netter Kerl, aus Colorado. "Ich zähle nicht die Tage, ich zähle schon die Stunden", bis die neun Monate in Afghanistan vorbei sind und er heimfliegen darf, erzählt er. Was die verschwitzte Journalistin gut verstehen kann. Der Kaffee morgens im Lager war auch scheußlich.

Es gibt nicht mehr so viele Journalisten, die auf eigene Faust in Afghanistan unterwegs sind. Es gab Entführungen, man muss sich schon sehr gut auskennen. Doch haben die vielen anderen, die sich lieber von der Bundeswehr oder vom US-Militär mitnehmen lassen, ein Problem: Wie sollen Journalisten zu einem halbwegs unabhängigen Urteil über den Afghanistaneinsatz kommen, wenn sie nur im Schutz, geleitet, beplaudert und genährt vom Militär unterwegs sind? Kurz: Wie geht embedded journalism?

Für militärisch eingebettete, oft wenig auslandserfahrene Journalisten ist eine Reise nach Afghanistan erst einmal ein sehr körperliches Erlebnis: Den größeren Teil des Jahres ist es entweder zu heiß oder zu kalt. Zu windig ist es meistens, zu staubig eigentlich immer. Egal was schon die afghanische Wetterlage der Durchschnittseuropäerin abverlangt - in jedem Fall muss sie sich beim Verlassen des Lagers eine viele Kilo schwere Schutzweste überwerfen. Die Gästeweste der Amerikaner ist zwar etwas leichter als die der Deutschen - dafür verlangen die Amerikaner, dass auch noch ein hässlicher schwarzer Helm aufgesetzt wird.

Wenigstens aber ist die Strapaze meist eine geteilte, wird also zum sozialen Ereignis. Die Pressestäbe von Bundeswehr, Nato und US Military schicken ihre Kundschaft in kleinen Gruppen auf die Reise. So kommt unter dem Kommando einer reizenden Sergeant First Class der U.S. Army schon beim Einführungsprogramm echte Schulausflugsatmosphäre auf.

Ausgelassen verteilen der Kriegskorrespondent von El Periodico aus Barcelona und der Auslandsressortleiter der dänischen Politiken Strafpunkte für schlechte Führung. Verlieren von Papieren, Sichverheddern in der Sicherheitsschleuse, Zuspätkommen zu einem der vielen Dutzend Briefings werden fröhlich mit "Germany - two points" quittiert. Der weichwangige Schotte vom Herald scheidet, obwohl wegen vergessener T-Shirts und vielerlei Versäumnisse schon auf der Siegerspur, aus dem Inkompetenzwettbewerb frühzeitig aus: Erschöpft vom dichten Reise- und Informationsprogramm, erbricht er sich im gepanzerten Transporter, als dieser gerade vor der US-Botschaft in Kabul hält.

Außer nach Kabul werden Journalisten stets auch in die PRTs geschleust. Das sind die Provincial Reconstruction Teams, deren anstrengender Name bedeuten soll, dass es sich nicht etwa um Militärlager von Besatzungstruppen, sondern um Unterkünfte von Schutz- und Wiederaufbaueinheiten handelt. 26 PRTs der Nato gibt es in ganz Afghanistan. Die Bundeswehr hat 2 im Norden, die USA betreiben 12 im Süden und Osten des Landes.

Ehrfürchtig besichtigen die beiden Medienvertreterinnen den Dusch- und Waschtrakt im PRT Gardez. Tatsächlich: Unmittelbar neben den Umkleidebänken sind die Toiletten mit Vorhängen aus Lackfolie, die nur bis Schienbeinhöhe reichen. "Das fettige Essen hier wird die Verdauung bremsen", hofft die italienische Radioreporterin.

Afghanistan wird für die Journalisten schnell zu einem Land, in dem die Soldaten zum ewigen Dröhnen der Generatoren und Klimaanlagen auf unappetitlich aussehenden Matratzen schlafen und nachts in Flip-Flops über groben Kies zu den Wasch- und Toilettenbaracken pilgern. Sie müssen dazu ihre farbigen, abgedimmten Taschenlampen benutzen. Das Lager ist nach Anbruch der Dunkelheit absolut dunkel, die Fenster sind verklebt. Kein weißer Lichtschein soll den Taliban ein Ziel bieten.

Selbstverständlich, sagt die Gruppenleiterin, die reizende Sergeant First Class - natürlich sollen die Journalisten sich ihr eigenes Bild machen. Sie sollen schreiben oder senden, was sie wollen, nichts werde vorher gelesen. Die Army stelle nur möglichst viele Gesprächspartner zur Verfügung: Militärs, Zivilisten, Afghanen. Die Gruppe besichtigt die - von den USA neu ausgerüstete - Landwirtschaftsschule, die - von den USA bezahlte - neue Bücherei. Man besucht die - von den USA gesponserten - Provinzgouverneure. In einem Klassenzimmer einer - von den USA unterstützten - Berufsschule werden die Journalisten auch Zeugen eines kleinen Dramas.

Im Streit darüber, ob Hamid Karsai bei den Präsidentschaftswahlen im August wiederzuwählen sei oder nicht, bricht eine 19-Jährige namens Kobra in Tränen aus. Ihr Vater sei Lehrer, habe vor den Taliban aus Ghasni fliehen müssen und lebe nun mittellos in Kabul. "Wenn Karsai die Lehrer nicht beschützen kann, was sollen wir dann noch von ihm erwarten?", schluchzt sie unterm bunt gemusterten Kopftuch.

Während die italienische Radioreporterin bestürzt ihr Mikrofon senkt, heben die Kollegen schnell die Kameras. Jeder will das Bild der Träne, die auf das Pult fällt - einer echten, spontanen afghanischen Träne, die nicht von den Amerikanern bezahlt ist.

Vermessen wäre es, zu bezweifeln, dass der Gastgeber USA das Recht hat, seine Leistungen und Erfolge vorzuzeigen. Auch lässt das US-Militär den Journalisten wesentlich mehr Gelegenheit zum selbst gewählten und gesteuerten Gespräch als etwa die Bundeswehr. Letztere führt der Presse lieber ausgewählte Soldaten zu, die sich treuherzig zu ihrem tiefen Engagement und ihren großen Gefühlen für Afghanistan bekennen, und behält die Journalisten auch sonst streng unter Kontrolle.

Bundeswehroffiziere im nordafghanischen Kundus klingen oft verblüffend ähnlich wie der Pressesprecher des Verteidigungsministers in Berlin. US-Offiziere ähneln dagegen verblüffend ihren Abbildern aus Hollywood: laut, geradeaus, mit breitem Kinn und klarem Bekenntnis zum ihrer Meinung nach Notwendigen - Kämpfen, Schießen, Siegen, zum Beispiel.

Wobei auch ein bekennender Krieger wie der Kommandeur des PRT Gardez in der Ostprovinz Paktya sagt: "Wir treten keine Türen mehr ein." Die US-Amerikaner wollen sichtlich nicht auf der zum Beispiel bei der Bundeswehr verbreiteten Zuschreibung sitzen bleiben, sie seien die rücksichts- und besinnungslosen Türeintreter, die es sich für ewig mit der stolzen afghanischen Bevölkerung verscherzen.

Es ist ja nicht so, dass der spin, der gewünschte Dreh, hinter den unendlich vielen, so fremdartigen und interessanten Treffen und Begegnungen für Journalisten nicht erkennbar wäre. US-Außenministerium und die US-Vertretung bei der Nato setzen eben auf die Macht der schieren Menge an Informationen. Am Ende, so dürfte das Kalkül lauten, entsteht ein vielleicht immer noch kritisches, aber immerhin differenziertes, kleinteiligeres Bild des US- und Nato-Einsatzes in Afghanistan.

Alle Beiträge und Artikel, die die europäischen Journalisten daheim veröffentlichen, werden übersetzt und an die zuständigen US-Stellen sowie an die reizende Reiseleiterin Sergeant First Class geschickt. Die journalistische Reisegruppe hat sie am letzten Abend hochleben lassen und "General Mama" getauft. Wer wollte General Mama nachträglich enttäuschen?

So ist es vielleicht weniger die notwendige Einseitigkeit der Informationen, die am Ende die Texte prägen wird. Viele Journalisten fliegen so skeptisch heim, wie sie gekommen sind. Wahrscheinlich ist es eher das Vertrauen zu den Informationsbeschaffern, das im persönlichen Kontakt unter beschwerlichen, auch riskanten äußeren Umständen entstanden ist, das die embedded Berichterstattung einfärbt.

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