Britney-Zirkus stoppt in Berlin

Auferstehung der "Princess of Tragedy"

Britney Spears im nächsten Level: Aus dem Glam-Opfer ist ein Popstar mit Kratzern geworden, das noch immer schlecht tanzt und in der Show wenig singt. Muss man sie dafür nicht einfach lieben?

"It`s Britney, bitch!": Britney Spears ist ein Star mit menschlichem Makel geworden. Bild: dpa

Britney Spears hat mindestens zwei Leben. Nicht nur ihr privates und ihr öffentliches, sondern auch ein Leben vor dem Glatzenfoto und eines danach. Sie begann als "Princess of Pop" und wurde bald zur "Princess of Tragedy".

Drogengeschichten, schlechte Tanzperformances und Depressionen machten Britney Spears zum Star mit menschlichem Makel. Paparazzifotos zeigten uns die Fratze der erbarmungslosen Glamourmaschinerie. Der kahlgeschorene Schädel, die verwirrten Augen - nur eine Momentaufnahme aus einem Friseursalon - aber sie hat sich eingebrannt.

Britney Spears fährt betrunken Auto und hat Sex mit zwielichtigen Typen. Britney galt bereits als verloren. Sie konnte dem öffentlichen Druck nicht standhalten. Aber gerade deswegen ist sie eine Kultfigur. Und mit ihrem Sieg über Yellowpress und Körperpfunde, mit ihrem offensiven Comeback, wurde sie wieder zur amerikanischen Heldin. Seit dem Absturz trägt sie vor allem ein komplexeres Image zur Schau.

Die heute 27-jährige Sängerin und Tänzerin gehört zu den wenigen verbliebenen Megastars im Popbusiness. Sie ist die jüngste Frau, die je mit fünf Alben auf Platz 1 der amerikanischen Hitparade stand. Ihr erstes Album ist bis heute das meistverkaufte Debüt, das je in den USA erschienen ist. Da war sie noch das saubere Mädchen, das Pepsi-Gesicht, der Kinderstar aus Disneyland. Die, die man in der Schule auf keinen Fall cool finden durfte.

In der öffentlichen Wahrnehmung stand immer die Person Britney im Mittelpunkt. Keine Yoga-Obsession, kein Hang zu selbst designten Kostümen konnten von ihr ablenken. Selbst den Nachnamen nahm man ihr weg.

Sie schien dabei fremdbestimmt, allenfalls hart arbeitend für ihren Erfolg. Im Scheinwerferlicht stand nur Britney und war entweder das Schulmädchen im Minirock ("Baby One More Time") oder das Ordinary-American-Girl, natürlich auch im Minirock ("Lucky"), bis sie zum verruchten Sex-Objekt mit zerrissenem Top und strähnigen Haaren wurde ("Im a Slave 4 U"). Was das für die Entwicklung einer Frau bedeutet, Männerfantasien zu bedienen, anstatt in Ruhe eigene Erfahrungen zu machen - man mag es sich kaum vorstellen.

Ihr Absturz schien also vorprogrammiert. Klar, wenn jede kleinste Bewegung in Internetforen analysiert wird, muss man doch Drogen nehmen, sich in Las Vegas betrunken trauen lassen und auf Fotografen einprügeln. Vollstes Verständnis. Als sie dann auch noch in die Psychiatrie eingewiesen wurde und sich mit ihren beiden Söhnen in ihrem von der Polizei umstellten Haus verschanzte, glaubte man aber nicht mehr daran, dass man jemals wieder die glatte Britney-Show zu sehen bekommen würde. Was blieb, war ihr perfekt gestelltes Lächeln. Eine Britney, die den letzten Rest Mädchentraum, den man noch in sich hat, makellos verkörpert.

Was vor zehn Jahren als feuchter, aber nie pädophiler Traum vom Schulmädchen begann, hat sich zum Schreckensbild des Popbusiness entwickelt. Eine dickliche, wankende Sängerin, die bei Konzerten falsch intoniert und sich als Mutter blamiert. Doch anstatt sich zurückzuziehen, veröffentlicht sie in all dem Chaos Ende 2007 ihr fünftes Studioalbum "Blackout". Eines, das einige für ihr bisher bestes halten. Auch wenn die Verkaufszahlen nicht unbedingt dafür sprechen.

Die Ansage "Its Britney, bitch!" und Textzeilen wie "Im Miss Bad Media Karma/Another day, another drama" aus dem Song "Piece of me", waren offensiv und selbstironisch. "Im Mrs. Shes too big/Now Shes too thin", singt sie im selben Stück und man bekommt eine Ahnung von den Fliehkräften, die täglich an dieser Frau ziehen.

Warum Britney Spears urplötzlich als cool galt, es könnte an einer wohltuenden Ironie liegen und hat sicher mit der Anziehungskraft zu tun, die Abgründe nun mal ausstrahlen. Jedenfalls war das Fastfood-Image nach Hits wie "Toxic" und "Piece of Me" endlich Vergangenheit. Als Gefallene, als Ungeschminkte und als Ausbrechende gehörte sie zu uns, wirkte sympathisch und fast rebellisch. "Blackout" wurde kaum beworben, die wenigen Auftritte, die Spears absolvierte, wurden nur belächelt.

Als ihr Vater die Vormundschaft für sie übernimmt, verliert sie auch den letzten Rest an Selbstbestimmung. Der Titel ihres aktuellen Albums "Circus" ist missverständlich, denn sie bewegt sich damit wieder in Richtung Normalität. Sie hat trainiert, darf ihre Kinder wieder sehen und ihre Welttournee ist nicht nur äußerst teuer, sondern auch sehr erfolgreich. Ihr Comeback ist also gelungen.

Und trotzdem hat sie das Zerbrechliche und Zerbrochene behalten. In der MTV Doku "Britney: For the Record" sagt sie: "I need to be guarded" und knabbert an ihren Fingernägeln, bis ihr eine Begleitung auf die Finger haut. Ob ihr Leben außer Kontrolle geraten sei, wird sie gefragt. "No, Im not out of control, I am too in control", antwortet Spears und setzt ihr mittelstarkes Lächeln an.

Britney Spears hat sich eingependelt zwischen glattem Popstarimage und gebrochener Freakbitch. In ihrer "Circus"-Show soll sie schlecht tanzen und wenig singen. Muss man sie dafür nicht einfach lieben, die Prinzessin des absurden Popgeschäfts?

Britney Spears: „The Circus Starring”-Tour, 26. Juli in der O2-World in Berlin

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