Namensstreit

Welcher Fußballheld darfs sein?

In Hannover will die CDU einen Platz vor dem Stadion nach dem toten Nationaltorhüter Robert Enke benennen. Dumm nur, dass dieser Platz bereits für einen anderen Fußballhelden der Stadt reserviert war.

Bei der Gedenkfeier für Robert Enke wird das Bild des toten Nationaltorwarts im Stadion bewacht. Bild: dpa

Das Gedenken an Robert Enke wird im hannoverschen Rathaus zum Politikum. Auslöser des Parteienstreits ist der Plan, einen Platz am Stadion nach dem verstorbenen Torhüter zu benennen. Eigentlich hatten sich die Fraktionen geeinigt, das Vorhaben mit gebotener Pietät und in Absprache mit der Familie und dem Club anzugehen. So lange mochte der designierte CDU-Fraktionssitzende Jens Seidel allerdings nicht mehr warten. Er pfiff auf den Konsens und reklamierte öffentlich und kategorisch das Areal vor der Nordkurve. Dumm nur, dass hier eigentlich Walter Rodekamp verewigt werden soll, ein nicht minder großartiger wie tragischer Fußballheld der Stadt. Den will die CDU nun mit einem unbedeutenden Flecken vor der Südtribüne abfinden - und produziert ein Lehrstück in Sachen Populismus und Peinlichkeit.

Um die Aufkündigung des weihnachtlichen Burgfriedens zu verstehen, sollte man wissen, dass die Christdemokraten in Hannover seit Jahren an den Demütigungen leiden, die ihnen die rotgrüne Ratsmehrheit zufügt. Abgeschmetterte Anträge pflastern ihren Weg. Selbst wenn es nur um Straßen- oder Gebäudenamen geht, die zum Ärger der CDU bevorzugt nach Frauen benannt werden müssen.

Selbst auf sportlichen Nebenschauplätzen gibt es nichts zu ernten. Symptomatisch ist der Streit um die Benennung der hiesigen Mehrkampfanlage. Als die Christlichen die Leichtathletikarena durchaus nachvollziehbar nach der einheimischen Sprinterin Jutta Heine nennen wollten, die bei den Olympischen Spielen in Rom Silber über 200 Meter gewann, grub die Regierungskoalition so lange in den Archiven, bis sie Erika Fisch zu Tage gefördert hatte. Die rüstige Greisin konnte bei Olympia zwar nur einen vierten Platz im Weitsprung vorweisen, aber Hauptsache, man hatte der CDU wieder mal in Suppe gespuckt.

1941 in Hagen geboren, wo er das Fußballspielen beim TSV Hagen 1860 und beim SSV Hagen lernte.

1962 wechselte er zu Schalke 04, 1963 zu Hannover 96, wo er mit 38 Toren in 123 Spielen noch heute als bester Stürmer gilt.

1964: Bei seinem Bundesligadebüt am 22. August gegen Borussia Dortmund schoss er beide Tore zum 2 : 0-Sieg.

1965 spielte Rodekamp als bislang einziger Hagener dreimal in der deutschen A-Nationalmannschaft: gegen England (0 : 1), Brasilien (0 : 2) und die Schweiz (1 : 0, Siegtor Rodekamp).

1969 ging er nach Belgien zu Standard Lüttich und ließ seine Karriere bei K.B.S. Berchem Sport (Antwerpen) ausklingen.

Ähnlich war es bei dem traurigen Fall Robert Enke. Den machte Oberbürgermeister Stefan Weil zur Chefsache, schließlich steht er jeden zweiten Samstag mit Fan-Schal auf der Promi-Tribüne. Weil redete auf der Trauerfeier, Weil würdigte Enke in den Medien und Patriarch Weil nahm im Verwaltungsausschuss allen Fraktionsvorsitzenden das Versprechen ab, beim dem Gedenken an den depressiven Keeper die Witwe und den Verein einzubinden.

Daran mag sich der noch amtierenden CDU-Fraktionsvorsitzende Rainer Lensing partout nicht mehr erinnern. "Es gab kein Versprechen", sagt er der taz. Er sehe nicht ein, "warum wir eine gute Idee nicht öffentlich machen sollen". Es sei doch so: "Wäre das von Rot-Grün gekommen, wäre es wieder richtig gewesen."

Dort gibt man sich staatsmännisch und geißelt das "pietät- und würdelose" Drängeln des politischen Widersachers. "Das Ende vom Lied wird sein, dass sie sich damit in die Nesseln setzten", prophezeit SPD-Ratsherr Thomas Hermann, der mit Seidel dem Bauausschuss angehört. Seidel selbst begründet sein Vorpreschen mit der "weltweiten Aufmerksamkeit", die der Selbstmord Enkes erregt habe. Sie rechtfertige, "dass die Stadt den größeren Platz nach Enke benennt".

Sportliche Argumente ließen sich auch kaum finden. Mittelstürmer Rodekamp, der 1963 von Schalke 04 zu Hannover 96 wechselte, schoss den Regionalligisten ein Jahr später in die Bundesliga. Mit sagenhaften 20 Toren in 22 Spielen. Er machte drei Länderspiele und gilt in der Stadt als Volksheld. An diesem Status konnten auch die Alkoholprobleme des sensiblen Ruhrpottgewächses nicht rühren. Zu seiner besten Zeit war Rodekamp wohl der einzige Bundesligaprofi, der sich mit Erlaubnis von Trainer Helmut "Fiffi" Kronsbein vor dem Spiel einen "Korn" hinter die Binde kippen durfte.

Als man ihm 1967 erst Stars wie Jupp Heynckes oder den Jugo Josip Skoblar vor die Nase setze und dann seine Frau davonlief, wurde aus einem Glas eine Flasche. Nach einem kurzen Intermezzo bei Standard Lüttich begann der Abstieg. Rodekamp managte die Vereinskneipe des Vorortclubs TuS Kleefeld, arbeitet später als Kranfahrer, ehe er einsam, aber unvergessen 1998 tot in seiner Wohnung gefunden wurde.

96 -Sprecher Andreas Kuhnt mahnte gestern Besonnenheit an. Es könne nicht angehen, "dass man zwei verdiente Spieler gegeneinander ausspielt".

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