Berliner Hausboote werden verdrängt

Kein Raum für den Traum

Die Wohnschiffe vom Treptower Hafen sollen umziehen. Die Bewohner wissen nicht, wohin. Es gibt angeblich keine Liegeplätze mehr in ganz Berlin.

Geordneter Rückzug (hier im Hamburger Hafen) Bild: ap

Normalerweise ist es idyllisch am Treptower Hafen. An diesem Tag aber regnet es kübelweise Wasser auf die Hausboote. Es laufen Sturzbäche von den Geländern, fette Pfützen sammeln sich auf den Decks, auf den Stegen steht das Wasser teilweise fünf Zentimeter hoch. Die Stimmung auf dem Hausboot "Alfred" ist mindestens so mies wie das Wetter. Sylvi Finger, Petra Voerste und Andrea Schöneich sitzen im Rumpf des Schiffs und regen sich auf. "Fair wäre gewesen, uns früher Bescheid zu sagen", giftet Petra Voerste. "Das ist, wie obdachlos zu sein, nur dass man ein Schiff dabei hat", sagt Andrea Schöneich, und Sylvi Finger fügt hinzu: "So ein Umzug ist nichts, was wir so aus der hohlen Hand zaubern können."

13 Hausboote liegen im Treptower Hafen an den Stegen der Schifffahrtsgesellschaft Stern und Kreis. Noch, denn das Unternehmen möchte sie loswerden. "Eigenbedarf" nannte der Geschäftsführer Jürgen Loch in einer Mitteilung als Grund für die Kündigung. Gegenüber der taz wollte sich das Unternehmen indes nicht äußern.

Schon im März hatte die Stern und Kreisschifffahrt den Hausbootbesitzern mitgeteilt, sie sollen sich eine neue Bleibe suchen. Die Bootsbesitzer gehen aber nicht. Weil es nicht so einfach sei, mit 13 Schiffen umzuziehen, sagen sie, und weil sie schon seit zehn Jahren hier leben. Jetzt droht das Schifffahrtsunternehmen mit einer Räumungsklage. Die Bootsbesitzer halten dagegen und versuchen, einen Kompromiss auszuhandeln. Bisher ohne Erfolg. "Wir würden ja gehen", sagt Sylvi Finger. "Aber wir wissen nicht, wohin."

Um die Boote aus dem Hafen zu bewegen, sagt sie, müssten die Bootsfahrer die Fahrt genehmigen lassen. Und eine Genehmigung gibt es nur, wenn sie einen neuen Liegeplatz für die Boote angeben können. Aber das gestaltet sich schwierig. Denn eigentlich, sagt Petra Bechmann, Mitarbeiterin der Wasserbehörde in der Senatsverwaltung für Umwelt, seien auf den Berliner Gewässern keine Liegeplätze für Hausboote mehr übrig. In der Innenstadt sei es zu eng. Im Außenbereich gebe es häufig Ärger mit den Landeigentümern. Die müssten den Bewohnern ja ein Wegerecht einräumen, damit sie ihre Schiffe betreten und verlassen können.

In Berlin gibt es rund 40 Hausboote, verteilt auf drei Liegestellen, erzählt Bechmann. Am Flutgraben am Charlottenburger Tor und im Plötzenseer Kolk liegen die, die dauerhaft bewohnt werden. Ein paar Wochenendwohnschiffe liegen in der Langen Krampe vor Anker. Grundsätzlich, sagt Bechmann, sei das Wohnen auf Schiffen zwar beliebt, aber vonseiten der Senatsverwaltung wenig erwünscht. "Das gibt zu viel Ärger." Die Zufahrt für Krankenwagen und Feuerwehr müsste geklärt sein. Problematisch sei auch die Entsorgung von Fäkalien und Müll.

All das, betont Sylvi Finger, sei im Treptower Hafen kein Problem. Auch deshalb sei die plötzliche Kündigung den Bootsbesitzern unverständlich. Seit neun Jahren lebt die 40-jährige Psychologin mit ihrem Mann und drei Kindern auf der "Alfred". Das Boot ist 20 Meter lang, fast 5 Meter breit und mindestens so alt wie seine Besitzerin. Auf dem Schiffsdach stehen ein großer Lavendelbusch und ein Bänkchen, im Rumpf des Wohnschiffs sieht es aus wie in einem Schöner-Wohnen-Prospekt. Wenn Finger duschen möchte, tut sie das im Freien. "Ungemütlich ist es nur im Winter", sagt sie. Wenn es auf dem Deck der "Alfred" knackige Minusgrade hat, frieren die Haare am Badewannenrand fest. Trotzdem: Ein Hausboot ist Sylvi Fingers Definition von Freiheit.

Als sie die "Alfred" von Havelberg in Sachsen-Anhalt nach Treptow schleppen ließ, lagen hier nur die "Frohsinn" und die "Heiterkeit" vor Anker. Im Laufe der Jahre ist die "Torgau" von Petra Voerste hinzugekommen, auf der sie ihrer Mutter einen Platz am Fenster eingerichtet hat, die seit einem Schlaganfall gelähmt ist. Und die "Havelschwan" von Andrea Schöneich, die früher einmal eine schwimmende Pommesbude war und heute über und über bepflanzt ist, sodass sie aussieht wie die Pflanzenabteilung eines Baumarkts.

Pro Liegeplatz hat die Stern und Kreisschifffahrt bisher 200 bis 400 Euro Miete im Monat kassiert, sagen die Hausbootbesitzer. Was sie auch darf, denn die Stege, an denen die Hausboote liegen, gehören dem Schifffahrtsunternehmen. Das Wasser, auf dem die Boote schwimmen, wird von der Wasser- und Schifffahrtsbehörde verwaltet, und die hat laut einer Sachbearbeiterin der Behörde ihre Zustimmung zum Untermietverhältnis gegeben. Mietverträge mit der Stern und Kreisschifffahrt gab es allerdings nie. Nur Überlassungsvereinbarungen, die bisher jedes halbe Jahr verlängert wurden, sagen die Bootsbewohner.

30 von ihnen haben sich hier am Treptower Hafen mit ihren Booten, Kindern und Hauskatzen eingerichtet. Eine Psychologin, ein KFZ-Mechaniker, eine Ingenieurin und eine Theatermeisterin leben hier. Sie seien keine Hippies, keine Verrückten, sondern ganz normale Menschen mit Jobs und Familie, die einfach eine andere Vorstellung von Wohnen hätten.

"Ich lebe hier einen Traum", sagt Sylvi Finger. "Für mich ist es nicht vorstellbar, wieder in einer Wohnung oder einem festen Haus zu leben."

Bis es zu einer Räumung kommt, werden Jahre vergehen, hoffen die Hausbootler. So lange werden sie kämpfen - für das Wohnen auf dem Wasser und ein kleines Stückchen Freiheit.

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