Kolumne Kriegsreporterin

Waren die Chefredakteure wieder segeln?

Jeder macht, was er will: Die Medienlandschaft wird von testosterongesteuerten Bullen geprägt und den PauschalistInnen der "Brigitte" das Polster unterm Hintern weggezogen.

Hallo taz-Medienredaktion,

ohoho, Aufregung! Helmut Hoffer von Ankershoffen hat bei Amazon (!) eine Lobhudelei über sein eigenes Produkt, das WePad, verfasst. Nicht, dass nicht wahrscheinlich jeder zweite Buchautor sein Buch bei Amazon bespricht, es sollte den sich jetzt Empörenden - so sie denn Profis sind - nicht unbekannt sein, dass etliche Freiberufler an den Rechnern sitzen und im Auftrag von PR-Firmen Produktnamen oder Produktlobhudelei in Blogs unterbringen.

Der Hoffer von Ankershoffen wollte schlichtweg das Geld sparen, das man für gewöhnlich den PR-Geckos in den Rachen schmeißt. Was bekommt ein mir bekannter freier Journalist und PR-Handlanger für seinen wöchentlichen Blog-Beitrag zu Energiethemen? Sieben Euro. Ich schätze, eine Agentur bekommt die 100-fache Summe.

Munter geht es laut Hamburger Abendblatt dieser Tage auch beim Spiegel zu, wo man jetzt den unkommentierten Vorabdruck einiger Passagen aus Thilo Sarrazins Buch hinterfragt. Zumal gerade jene Passagen nicht gedruckt wurden, in denen Sarrazin seine Theorie zur Vererbung von Intelligenz verbreitet. Diese Passagen waren nun zum angeblichen Ärger der Spiegel-Chefs in der FAZ zu lesen, womit Herausgeber Frank Schirrmacher die Meinungsführerschaft in der Debatte errungen hätte.

In seinem Schützengraben liegend, fragt man sich, wann zuletzt gelüftet wurde.

Nicht, dass das Versagen darin gesehen wird, dem Rechtspopulisten kostenfreie Werbung für sein zündelndes Manifest zu ermöglichen, die Sorge geht dahin, dass man dem Konkurrenten das Feld überlassen hat. Da knabbert man an den Dauerkeksen und wundert sich, wovon diese Medienlandschaft eigentlich geprägt ist? Von Führungskräften mit Verantwortungsbewusstsein? Oder - wie Matschi Matussek behauptet - von testosterongesteuerten Bullen, im täglichen Vergleich, wer das längste Horn hat?

Und warum heißt es, Kulturchef Lothar Gorris sei für den Abdruck verantwortlich? Waren die Chefredakteure segeln, auf der Elbe? Macht da jeder, was er will? Der eine Sarrazin, der nächste Seilspringen, der dritte sucht das Cover aus - während die Spiegel-Chefredakteure in ihrer Jolle auf dem Kanal vorbeischippern und winken?

Aus der Ferne winken tun am Sonnabend auch einige hochrangige Schauspieler und Schauspielerinnen, wenn der Deutsche Fernsehpreis verliehen wird. Sie bleiben aus Protest der Veranstaltung fern, die auf die Ehrung etwa von Regie, Buch, Kamera, Schnitt und Nebendarstellern verzichtet, dafür aber die privatsenderfreundlichen Kategorien "Dokutainment" und "Zuschauerpreis" eingeführt hat.

Letztere, um die beste Soap zu wählen. Man möchte seine Zuschauer schließlich nicht überfordern und zeigt mit der neuen Ausschreibung auch gleich, was man von ihnen hält. Um die Reihen vollzubekommen, flüsterte mir auf dem Hamburger Filmfest ein Erste-Liga-Mime, der auch nicht kommt, habe man dieses Jahr auch Einladungen Richtung Kreisklasse verschickt. Na, das wird ja ein schöner Anblick, mit den Soap-Darstellern auf den Polstern …

Das Polster unterm Hintern weggezogen bekommen gerade die PauschalistInnen der Brigitte. Vorgestern wurde ihnen mitgeteilt, dass ihre Verträge gekündigt oder nicht verlängert würden. Womit keiner gerechnet hatte, zumal Gruner endlich mal wieder über der von Bertelsmann vorgegebenen Umsatzrendite von 10,7 Prozent liegt. Wie viele KollegInnen betroffen sind, möchte Gruner nicht sagen, was die Vermutung zulässt, dass es richtig voll fett viele sind. Wenn nicht alle. Betrübt zurück nach Berlin!

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Silke Burmester ist mittwochs auf der taz-Medienseite als „Kriegsreporterin“ im Einsatz. Bei Spiegel Wissen trägt Ihre Kolumne den schönen Titel „Frau Burmester hat einen Termin“. Ihre Themen sind Gesellschaftspolitik, Medien und Kultur. Außer für ihre Liebe, die alte Tante taz, schreibt sie u.a. fürs Manager Magazin, Brigitte Woman und Reisemagazine. Sie gibt Schreibseminare und ja, sie macht auch PR. Bei Kiepenheuer und Witsch ist ihr Pamphlet gegen die Hysterie der Medien „Beruhigt Euch“ ebenso erschienen, wie „Das geheime Tagebuch der Carla Bruni“. Silke Burmester ist Mitglied bei ProQuote und bei Freischreiber.

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