die wahrheit

Im Jahre des Tigers: Der Kommunismus ist da

Auf meiner letzten Inspektionsreise durch die chinesische Provinz kam ich auch in die im Nordosten gelegene Hafenstadt Dalian. Lange Zeit war...

... sie in fremder Hand. Zunächst regierten hier die Russen, danach die Japaner. Heute scheint sie hauptsächlich von Immobilienmaklern bevölkert. An jeder Straßenecke standen diese Zeitgenossen mit Schildern, auf denen sie Wohnungen zum Verkauf anboten. In den Fußgängerzonen wurden Immobilienflyer verteilt, auf großen Flatscreens informierte man über Wohnungspreise und selbst im Supermarkt Carrefour war ein Stand errichtet worden, an dem man Apartments in der Nobelwohnanlage "Oriental Charms" zu verhökern suchte. Wahrscheinlich spekulierten die Makler auf Dialoge wie: "Schatz, brauchen wir noch was?" - "Stimmt, ne Wohnung. Fast vergessen."

Ob sie auch wirklich was verkauften, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur: Nach Angaben hiesiger Medien stehen in China momentan vierundsechzig Millionen neu gebaute Wohneinheiten leer. Trotzdem wird stramm weitergebaut, auch in Dalian. Glaubt man den Bauschildern in der Stadt, kommen hier demnächst noch einmal rund hundert Hochhäuser dazu.

Einige Analysten behaupten wegen solcher Zahlen, es gebe in China eine Immobilienblase, die bald platzen wird. So wie Japan in den Achtzigern oder die USA erst neulich gerate dann auch China in die Krise. Doch diese Leute haben nichts begriffen. Das Überangebot an Wohnungen ist nämlich kein Zeichen für eine Blase, sondern dafür, dass hier - ganz so wie es im Programm der chinesischen KP steht - nach der momentanen Phase des "Sozialismus mit chinesischer Charakteristik" sehr bald der Kommunismus eingeführt wird. Dann wird ja bekanntlich jedem das gegeben, dessen er bedarf.

Konkret manifestiert sich das Nahen dieses großen Menschheitsziels zum Beispiel im "Xinghai Wonderland", einem noblen Neubaugebiet, das am Rande des gigantischen Xinghai-Platzes in Dalian steht. Im Verkaufsprospekt wird dieses "wundervolle Königreich" mit Paris, Venedig und New York verglichen: ein "gathering place of literators, scholars and young people, a romantic palace of showing perfect delicacy of the new age". Und tatsächlich sieht das 2005 im "europäischen Stil" vollendete Viertel prächtig aus. Überall glänzt Marmor, schimmern grüne Kupferkuppeln und prunken weiße Skulpturen.

Wer aber etwas näher kommt, erkennt, dass das Prachtviertel schon auf Jahre nicht bewohnt wird. Zumindest leben hier nicht die im Prospekt erwähnten Jungen, Schönen und Gebildeten. Stattdessen sind hunderte von armen Wanderarbeitern in die Paläste eingezogen. Zwar müssen sie sich momentan noch mit unverputzten Wänden und recht spartanischem Mobiliar begnügen, doch wenn erst aus der benachbarten "Versailles"-Einrichtungs-Mall die Louis-Quinze-Möbel herbeigeschafft worden sind und die Champagnertankwagen vorfahren, ist der Kommunismus wirklich da. Karl Marx hat es nicht mehr erleben dürfen, aber wir. Dafür tausend Dank, du großes China!

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