Interview mit Elena Reynaga

"Der Papst ist auch nur ein Mann"

Die argentinische Sexarbeiterin Elena Reynaga ist auf den Papst nicht gut zu sprechen. Für sie ist der Umgang der Kirche mit HIV-Aufklärungsarbeit in Lateinamerika sehr widersprüchlich.

Nur Prostituierte sollen Kondome benutzen, sagt der Papst. Bild: dpa

taz: Frau Reynaga, Benedikt XVI. ist der Meinung, vom Verbot von Präservativen könnte es "einzelne begründete Ausnahmen" geben, "zum Beispiel wenn ein Prostituierter ein Kondom benutzt". Wie finden Sie das?

Elena Reynaga: Schrecklich, mir lief es eiskalt den Rücken hinunter. Als wären wir Prostituierte das Übel schlechthin in Bezug auf HIV. Ich glaube, Benedikt XVI. fehlt die nötige Aufklärung. Gerade die Organisationen der Sexarbeiterinnen und die Organisationen der Schwulen haben das Thema HIV und Aids aufgegriffen. Sie haben den Sinneswandel in Argentinien und in der Region vorangetrieben. Als im Jahr 2000 der Fachbereich Medizin der Universität Buenos Aires eine Studie über die Verbreitung von HIV in der Sexarbeit erstellte, waren von 100 Sexarbeiterinnen 4 HIV-positiv. 2008 haben wir die Studie wiederholt. Die Quote war auf 1,9 Prozent gesunken.

Zunächst hatte der Papst von männlichen Prostituierten gesprochen.

Es spielt keine Rolle, ob das Wort "Prostituierte(r)" mit einem r oder mit einem e endet. es geht nicht um Sexualpraktiken an sich, es geht um ungeschützte Sexualpraktiken. Wenn die Gesellschaft nur auf den Papst hört, dann sind die Prostituierten schuld. Aber so ist es ja nicht. Wir alle haben sexuelle Beziehungen. Das ist gut, das macht uns glücklich.

Elena Reynaga ist Generalsekretärin der Gewerkschaft der argentinischen Sexarbeiterinnen "Asociación de Mujeres Meretrices" und Gründerin des Netzwerks "Red de Trabajadoras Sexuales de Latinoamérica y el Caribe - RedTraSex". www.ammar.org.ar und www.redtrasex.org.ar.

Hat die Äußerung des Papstes eine Debatte unter Ihnen ausgelöst?

Nein, keine Sexarbeiterin schreibt sich auf, was der Papst so sagt. Wir glauben an Gott, und der Papst ist auch nur ein Mann. Und wir glauben, dass das einzige Mittel gegen HIV die Prävention ist.

Dass der Mann Verantwortung für sein sexuelles Handeln übernehmen soll, halten Sie das nicht für einen Fortschritt?

Fast immer ist es der Kunde, der kein Kondom benutzen will. Dafür ist er bereit, mehr zu zahlen. Er profitiert von der Armut, der Abhängigkeit oder der Schwäche der Sexarbeiterinnen. Die Kampagnen aus den Gesundheitsministerien zum Schutz vor Aids richten sich nicht an die Kunden, sprich Konsumenten. Aber die Diskriminierung richtet sich immer gegen die weibliche Seite.

Können Sie der Papstäußerung auch etwas Positives abgewinnen?

Ja, dass er sich überhaupt zu dem Thema geäußert hat. Es war höchste Zeit. Es gibt viele Länder, in denen die katholische Kirche viel stärker ist als in Argentinien, Uruguay und Brasilien. Beispielsweise in der Andenregion und vor allem in Mittelamerika, wo die Verbreitung von HIV noch immer sehr hoch ist. Dort kommen die Mittel für Kampagnen aus den USA, genauer von der staatlichen Behörde USAID [U.S. Agency for International Development; J. V.]. Und die sagt dann, wo es langgeht.

Aber in den USA ist die katholische Kirche doch nicht so einflussreich?

Ja, aber die USAID ist erschreckend konservativ. Und dieser US-Konservativismus verbindet sich mit der konservativen Haltung der katholischen Kirche oder der Evangelikalen vor Ort. Da wird dann schon mal gepredigt, dass Sexarbeit, HIV-positiv-Sein oder einen schwulen Sohn zu haben die Strafe Gottes ist. Je weiter nach Süden man auf dem Kontinent kommt, umso mehr verliert sich der Einfluss. Fragen Sie mal einen Brasilianer, ob er glaubt, dass Sexarbeit oder Schwulsein eine Strafe Gottes ist. Bei ihrem verliebten Körperkult kommt bei unseren fortschrittlichen Nachbarn kaum jemand auf so absurde Ideen. Aber aufgepasst, die Evangelikalen sitzen bereits in einigen Parlamenten.

Ist die katholische Kirche in Argentinien nicht ebenfalls sehr stark?

Ja, aber wir müssen sie bei unserer Aufklärungsarbeit nicht um Erlaubnis fragen. Nächstes Jahr werden wir im Kongress einen Gesetzentwurf einbringen, der landesweit die Bedingungen für die Sexarbeit angleichen und regeln soll. Argentinien ist auf einigen Feldern sehr progressiv. Nehmen wir nur als jüngstes Beispiel die Verabschiedung des Gesetzes über die landesweite Zulassung der gleichgeschlechtlichen Ehe.

In Brasilien werden zum Karneval vom Staat gratis tausende von Kondomen verteilt. Gibt es das auch in Argentinien?

Ja, fast alle Kondome, die am 1. Dezember, dem Welt-Aids-Tag, verteilt werden, kommen vom Gesundheitsministerium. Auch die katholische Kirche ist in dieser Frage kein monolithischer Block. Vor wenigen Tagen bat mich ein katholischer Priester aus einem kleinen Dorf um Hilfe. Ich möge bitte bei der Gesundheitsbehörde der Provinz darum nachsuchen, dass am 1. Dezember wieder Kondome zum Verteilen zur Verfügung gestellt werden. Solche Beispiele gibt es viele.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben