Filmstart von "Unknown Identity"

Über alle Schlaglöcher hinweggebrettert

Jaume Collet-Serras "Unknown Identity" nimmt es mit dem Berliner Stadtplan nicht so genau. Unterhaltsam ist er trotzdem, besonders wenn Berliner Wahrzeichen geschrottet werden.

Autsch! Ein Taxi schrottet die Oberbaumbrücke in Berlin. Filmszene aus "Unknown Identity". Bild: dapd

Typisches Akademikerpech: Der US-Biochemiker Dr. Martin Harris (Liam Neeson) reist mitsamt Gemahlin nach Berlin, um dort "einen Vortrag zu halten", wie er der desinteressierten Grenzbeamtin auf die Nase binden muss. Doch kurze Zeit später darf er feststellen, dass man ihn bereits plagiiert hat. Und zwar mit Haut und Haaren. Und seine Frau gleich dazu. Doch alles der Reihe nach.

Im Hotel angekommen, stellt sich heraus, dass ein Koffer am Flughafen vergessen wurde. Harris hastet zum nächsten Taxi, das fährt über eine Brücke, muss einem Unfall ausweichen, rast übers Geländer ins Wasser. Vier Tage liegt der Wissenschaftler im Koma. Als er aufwacht, ist sein Gedächtnis teilweise gelöscht. Er kann nicht beweisen, wer er ist. Seine Frau erkennt ihn nicht mehr.

Schlimmer noch: Ein anderer Mann läuft an ihrer Seite als Dr. Martin Harris durch die Gegend - und kennt genau dieselben Details über sein Leben, wie er selbst. Urlaubsfotos inklusive. Thriller spielen damit, die Zuschauer zu verunsichern. Die größtmögliche Verunsicherung liegt darin, die Geschichte aus der Perspektive einer Figur zu erzählen, von der man nicht weiß, ob ihr zu trauen ist. Harris unternimmt mehrere Versuche, seinen Doppelgänger als Betrüger zu entlarven, aber alle scheitern. Er beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln.

Da platzt der Beweis, dass seine Version doch die richtige sein könnte, durch die Tür: ein Killerkommando, das ohne Skrupel so ziemlich jeden umlegt, mit dem Harris in Kontakt kam. Das lässt wenig Zeit zum Grübeln - und aus dem Thriller wird im Handumdrehen eine routiniert inszenierte, reifenquietschende Hetzjagd quer durch die Stadt, in der auch das Skript noch einige Haken schlägt.

"Unknown Identity" des katalanischen Regisseurs Jaume Collet-Serra ist, nach "Die Bourne Verschwörung", nun schon der zweite Film jüngerer Zeit, in dem ein Fremder in Berlin nach seiner Identität sucht, während auf ihn geschossen wird. Und, ähnlich wie bei "Bourne", dürfen sich zugleich auch die Berliner fragen, ob sie ihre Stadt wiedererkennen.

Einerseits setzt Collet-Serra die touristischen Wahrzeichen überdeutlich in Szene, zu Beginn etwa die Siegessäule und das Brandenburger Tor. Würde man deren Lage allerdings auf dem Stadtplan überprüfen, müsste das Auto in der betreffenden Szene gleichzeitig vor- und rückwärts gefahren sein. Von dergleichen Unstimmigkeiten wimmelt der Film: U-Bahn-Linien verwandeln sich, Kreuzberg liegt kurz vor Tegel, die Karl-Marx-Allee wurde umbenannt.

Ohnehin zeigt die Hauptstadt im Film nur zwei Gesichter: entweder Sektempfänge in Abendgarderobe, glitzernde Schaufensterwelten und das mondäne Hotel Adlon. Oder abgerockte Mietwohnungen, mit Graffiti übersäte Häuserwände und düstere Technodiscos. In dieser zweiten Welt findet Harris Unterschlupf und Hilfe, etwa die Taxifahrerin (Diane Kruger), die sich nach dem Unfall aus dem Staub gemacht hatte, weil sie illegal in Deutschland lebt. Dazu gesellt sich Bruno Ganz, in einer weiteren Rolle als deutsche Geschichtsgröße, als ehemaliger Stasi-Offizier, der dem Kalten Krieg mit Nostalgie nachhängt ("mit Stolz gedient"), im Film aber dann doch zur helfenden Figur wird.

Dass Ganz im Film "Herr Jürgen" genannt wird, ist als Klischee nichts dagegen, dass Eva Löbau als Krankenschwester ausgerechnet "Gretchen Erfurt" auf ihrem Namensschildchen tragen muss. Warum nicht gleich "Gretchen Weimar"? Karl Markovics, Sebastian Koch und Stipe Erceg komplettieren die deutschsprachige Besetzungslisten, Aidan Quinn als doppelter Marin Harris und Frank Langella als Harris Mentor - nur: von welchem? - sorgen fürs internationale Profil.

Weil das Drehbuch ebenso zahlreiche Lücken aufweist wie der Stadtplan, strapaziert "Unknown Identity" seine Glaubwürdigkeit mitunter sehr. Weil der Film aber mit Tempo über diese Schlaglöcher hinwegbrettert, ist er dabei reichlich unterhaltsam. Bei der Galapremiere auf der "Berlinale" bekamen die Szenen den meisten Applaus, in denen Berliner Wahrzeichen geschrottet wurden: das Hotel Adlon durch eine Explosion, eine Tram durch einen Frontalunfall, die Einkaufsmeile Friedrichstraße während einer Verfolgungsfahrt. So steht der Berliner zu seiner Stadt.

"Unknown Identity". Regie: Jaume Collet-Serra. Mit Liam Neeson, Diane Kruger u. a. USA/D/GB/F 2011, 113 Min.

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