Radio-Feature über Somalia: "Ich bin ein attraktives Ziel"

Mit einem Radiofeature versucht die Journalistin Bettina Rühl den Alltag in Somalia zu erfassen. Sie hat dafür mit Intellektuellen, Unternehmern und Terroristen gesprochen.

Krieg als Alltag: Somalischer Regierungssoldat verschanzt sich in der Hauptstadt Mogadischu. Bild: reuters

taz: Frau Rühl, in Ihrem aktuellen Radiofeature "Die Macht der Warlords von Mogadischu" thematisieren Sie den seit über 20 Jahren tobenden Bürgerkrieg in Somalia. Der östlichste Staat des afrikanischen Kontinents taucht hierzulande eher selten in den Nachrichten auf. Woher kommt Ihr spezielles Interesse?

Bettina Rühl: Seit dem Sturz Siad Barres im Jahr 1991 habe ich die Entwicklung Somalias intensiv verfolgt. Das Land ist der kollabierte Staat par excellence und hat seit zwanzig Jahren keine Regierung mehr. Seit Anfang der 90er Jahre stehen weltweit immer mehr Staaten vor dem Zerfall - aktuell beispielsweise der Jemen. Aber bisher ist kein anderer so lange und massiv kollabiert wie Somalia. Durch meine Recherchereisen hoffe ich eine Vorstellung davon zu bekommen, wie man diese Staaten wieder aufbauen könnte. Ich versuche zu verstehen, wie die Menschen ihren Alltag organisieren und bewältigen. Welche Spuren der Krieg in ihnen hinterlässt. Für die aktuelle WDR-Produktion war ich in der zweiten Novemberhälfte 2010 in Mogadischu.

Wie kann man sich unter solchen Bedingungen eine Recherche vorstellen?

geboren 1965, hat Kunstgeschichte studiert, arbeitet seit 1988 als freie Autorin mit dem Schwerpunkt Afrika. In Somalia ist sie seit 2002 fast jedes Jahr.

Bei der Einreise am Flughafen in Mogadischu gibt es keine Sicherheitskontrollen. Man wird nur gefragt, ob man Waffen mit ins Land bringt. In der Stadt selber kann ich mich nur mit mehreren Milizionären als "Personenschutz" bewegen. Ich muss öffentliche Plätze meiden, kann nie allzu lange an einem Ort bleiben und versuche insgesamt möglichst unsichtbar zu sein. Die Tatsache, dass ich Journalistin bin, ist gar nicht der Hauptgrund für die Gefährdung. Dafür reicht es, dass ich weiß bin und damit "wirtschaftlich" ein attraktives Ziel für Entführer. Ich beuge mich zwar den lokalen Bekleidungsregeln für Frauen, bleibe aber trotzdem als Europäerin erkennbar. Bei den Radioaufnahmen sind das weite Kleid und das Kopftuch natürlich extrem lästig, weil ich ständig mit Kopfhörer- oder Mikrofonkabeln hängen bleibe. Generell gilt: Ohne vertrauenswürdige Bezugspersonen geht gar nichts.

Einer davon ist Omar Olad, der am Sturz Siad Barres beteiligt war und heute eine Hilfsorganisation leitet. Sie sprechen aber auch mit Intellektuellen, Unternehmern und Polizisten. Wie haben Sie diese Menschen erlebt?

Omar ist für mich zu einem wichtigen Freund und Ratgeber geworden. Er beeindruckt mich wegen seiner klaren Haltung zutiefst. Er könnte Somalia verlassen, bleibt aber, um zu helfen. Er verkörpert für mich eine menschliche Größe, der ich in Somalia immer wieder begegne. Es gibt innerhalb der Bevölkerung einen bemerkenswerten Gemeinschaftssinn. Daher kommen viele Exilanten zurück, obwohl sie damit ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen. Ohne die Rückkehrer ginge in Somalia gar nichts mehr.

Sie haben unter anderem mit einem von den USA gesuchten Terroristen gesprochen. Gab es bei diesem Interview kritische Situationen?

Die Begegnung mit Hassan Dahir Aweys war skurril. Nach unserem Gespräch, das im Schlafzimmer seiner dritten Ehefrau stattfand, wollte er wissen, ob ich religiös und verheiratet sei und ob ich Kinder habe. Da habe ich gedacht, sag jetzt bloß nichts Falsches. Doch als meine Sicherheitsleute bei meinen Antworten zu kichern begannen, war klar, dass alles in Ordnung ist.

Im Feature kommentieren Sie als Autorin nur wenig, es dominieren Dialoge und O-Töne. Warum treten Sie so weit zurück in den Hintergrund?

Es ging mir darum, die irrsinnige Realität der Gesellschaft Mogadischus akustisch möglichst authentisch darzustellen. Kämpfe zwischen islamistischen Extremisten und den Regierungstruppen sind dort alltäglich. Zwischen all dem wird die Bevölkerung aufgerieben. Mir war wichtig, die Stimmen der Akteure in Somalia einzufangen und für sich selbst wirken zu lassen.

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