Gründer von Megaupload verhaftet

Dunkle Seite der Netzmacht greift an

Unternehmer "Kim Dotcom" verhaftet, Megaupload dicht gemacht: Die US-Exekutive verschärft die Debatte ums Copyright auf dramatische Weise.

Nicht mehr im Netz zu sehen: Die Datentauschplattform Megaupload. Bild: dapd

BERLIN taz | Noch vor wenigen Wochen zeigte sich Kim Dotcom, alias Kim Schmitz, zuversichtlich, was die geschäftlichen Aussichten seines Imperiums anging.

Die Abschaltung der Megaupload-Seiten in Indien im Dezember kommentierte er dahingehend, dass es sich um einen hervorragenden Test für ein neues Zugangsmodell handele, des Megakeys, einer Applikation, die unabhängig von Browsern und Netzsperren den Zugang zu seinem Filesharing- und Datennetzwerk ermöglichen sollte.

Der Konflikt mit Universal Music um die zeitweilige Sperrung eines Promo-Videos auf Youtube ließ Dotcom wie den David aussehen, der den Musikindustrie-Goliath in die Knie zwingen könnte. Dotcom spielt bei allem geschickt auf der emotionalen Klaviatur einer Netzgemeinde, die nur zu gerne an diesen Kampf zwischen Gut und Böse glauben möchte, und nicht zuletzt daran, dass das Gute siegt.

Auf der Nachrichtenseite Torrentfreak inszeniert sich Kim Dotcom als Gallionsfigur im Kampf gegen die geplanten US-Gesetze SOPA und PIPA. Seine "Kriegskasse" sei gefüllt, um Megaupload müsse man sich keine Sorgen machen.

Eine halbe Milliarde Dollar Schaden?

Seit Donnerstag hat sich das Blatt auf dramatische Weise gewendet. Aus dem millionenschweren Startup-Unternehmer ist ein Beschuldigter in einem der größtmöglichen Urheberrechtskonflikte der Welt geworden. In einem neuseeländischen Gefängnis bleibt Kim Dotcom derzeit nichts anderes übrig, als darauf zu hoffen, dass seine Anwälte die Auslieferung an die USA verhindern können.

Dort droht ihm angesichts der vorgebrachten Beschuldigungen eine langjährige Haftstrafe wegen systematischer Urheberrechtsverletzungen, Geldwäsche und der Bildung einer international operierenden kriminellen Vereinigung. Seit rund fünf Jahren, so der Vorwurf, zeichnen Megaupload und verbundene Webseiten für die illegale Bereitstellung von geistigem Eigentum im Wert von einer halben Milliarde Dollar verantwortlich.

Diese an sich schon kriminelle Tätigkeit soll über Werbeeinnahmen und den Verkauf von Premiummitgliedschaften für den Downloadservice weit über 100 Millionen Dollar in die Kassen des Unternehmens gespült haben. Die klagende Partei spricht von einer "Mega-Verschwörung".

Anonymous schlägt zurück

Die Antwort auf die Verhaftung Dotcoms in Neuseeland auf der Grundlage eines Amtshilfeersuchens aus den USA ließ nicht lange auf sich warten. Das Netzwerk Anonymous griff die Internetseiten des US-Justizministeriums, die der dortigen Rechteverwerter RIAA und MPAA sowie der Universal Music Group mit DDoS-Attacken an, die deren Server zum Erliegen brachten. Das gleiche Schicksal ereilte in der Nacht zum Freitag auch die Seite des FBI.

Auch wenn es durchaus unterschiedliche Ansichten zur Person Kim Dotcoms gibt, die taz selbst befindet sich in einem Rechtstreit mit ihm über Darstellungen zu seiner Person, und genauso plausible Kritik am selbstgerechten Vorgehen von Anonymous, kann die Verhaftung eines der größten mutmaßlichen Anbieters von Downloads jedes erdenklichen Datenmaterials gerade zum Zeitpunkt eines für die Rechteinhaber bedrohlichen Wendepunktes in der Debatte um die Freiheit des Internets nur als Warnschuss in Richtung aller Anbieter von Streams und Datenclouds verstanden werden.

Die Wikipedia mag aus Protest einen Tag lang schwarz tragen - die Macht, ganze Serverfarmen einfach zu kassieren und Unternehmen schließen zu lassen, liegt weiterhin bei den international operierenden Konzernen der Unterhaltungsindustrie.

SOPA, PIPA, ACTA

Dass jene Personen und Firmen, die die technischen Voraussetzungen für den Datenverkehr schaffen, für seinen konkreten Inhalt, also auch die Verbreitung illegaler Inhalte durch seine Nutzer, verantwortlich gemacht werden sollen, ist der angestrebte Paradigmenwechsel in den gerade verhandelten Gesetzesinitiativen SOPA und PIPA in den USA und ACTA in Europa.

Der Zugriff auf Dotcom und Megaupload ist die flankierende Drohgebärde einer ökonomischen Weltmacht, der es ernst ist und die auf die neuen Gesetze anscheinend nicht allzu dringend angewiesen ist, um ihre Interessen international durchzusetzen. Die sukzessive Abschaltung des Musikstreamingdienstes Grooveshark und der Kampf des Betreibers des in rechtlicher Grauzone operierenden Filmstreamers TVShack gegen seine Auslieferung aus Großbritannien wirken vor diesem Hintergrund keineswegs zufällig.

Der Kampf um die Kontrolle über den einstmals so anarchischen Kommunikationsraum Internet wird in aller Härte geführt und die Sieger stehen keineswegs fest. Das vitale Interesse von, im Vergleich zu Megaupload, unbestritten legal operierenden Firmen wie Google, Twitter und Facebook ist eine möglichst große Freiheit des Datenverkehrs. Kaum eine Träne wird dort über Kim Dotcom und seinesgleichen vergossen werden, die Unnachgiebigkeit der Strafverfolgung und der Versuch, legislativ in die jeweiligen Geschäftsmodelle einzugreifen, dürfte die Internetgrößen jedoch besorgt aufhorchen lassen.

Die ohnmächtigen Schläge Anonymous' mit ihrem Motto "Wir vergeben niemals. Wir vergessen niemals" passen sich gut ein in den romantischen Narrativ der Geschichte des David gegen Goliath. Um die Debatte ums freie Netz aber in eine grundsätzlich andere Richtung zu bewegen, wird es wohl des Eingreifens der großen Internetfirmen bedürfen, die auf die Parteinahme für eine, im besten Falle, zwielichtige Gestalt wie Kim Dotcom verzichten können.

Wenn ihn die Anklageschrift korrekt zitiert, schwärzte er zur Bestätigung seiner Legitimität andere Filesharing-Hoster bei Geschäftspartnern und vor Gerichten an - wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen.

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