Streit um Diebskneipe

Das Haus des Lords von Barmbek

Im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd steht ein Haus, in dessen Souterrain der legendäre Hamburger Einbrecherkönig Gustav Adolf Petersen von 1904 an eine Kneipe betrieb. Die Mieter fürchten den Abriss - und bekommen Unterstützung aus der Politik.

Neun Stufen nach unten, dann durch die grüne Tür: Hier betrieb der "Lord von Barmbeck" seine Kneipe. Bild: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | An der Ecke Bartholomäusstraße / Beim Alten Schützenhof im Hamburger Stadtteil Barmbek-Süd ist ein Kinderspielplatz, an dem das noch mal ausdrücklich steht: „Kinderspielplatz“, damit kein Zweifel aufkommt. Am Straßenschild „Einbahnstraße“ sind zwei Räder festgemacht, das eine hat einen roten Zettel, der besagt, dass es bald wegkommt, wenn der Besitzer sich nicht kümmert. Die Reifen des Rades sind neu. Ein Mann und eine Frau, beide in Hoodies, tragen eine Kiste Bier durch einen Eingang ins Haus Schützenhof 22.

Der Eingang ist 100 Jahre jünger als der Rest des Hauses, das sieht man. Parterre war einer der Friseure, die sich „Frisör“ nennen. Hat im Herbst 2011 aufgehört. Es geht neun Stufen ins Souterrain, die Tür am Ende der Treppe ist dunkelgrün. Ein bisschen Müll liegt auf den Stufen, dazu Visitenkarten von Autohändlern: Die Autofahrer, die die Karten an ihren Fahrzeugen finden, schmeißen sie hier runter.

Auf den ersten Blick ist das nicht schön. Aber was bedeutet das schon, beim ersten Blick? Hinter der grünen Tür nach den neun Stufen war ab 1904 die Kneipe von Gustav Adolf Petersen, als „Lord von Barmbeck“ bekannt. Er war ein paar Häuser weiter, in der Heitmannstraße, aufgewachsen. Den Namen „Lord“ bekam er vom Hamburger Fremden-Blatt, weil er gerne fein angezogen war und Bandenmitglieder, die von der Polizei verhaftet wurden, mit guten Verteidigern versorgte und deren Familien unterstützte.

Petersen war Kopf einer Bande mit bis zu 70 Mitgliedern, unter ihnen „Lockenfietsche“, „Rabenmax“ und „Schlachterkarl“, die erst als „Barmbecker Einbrechergesellschaft“, später als „Petersen-Konzern“ firmierte. Petersens Vater war Sozialdemokrat und wurde, Folge der Sozialistengesetze Bismarcks, aus Hamburg ausgewiesen. Wie man Petersens 1927 im Gefängnis geschriebenen Autobiografie entnehmen kann, wirkte sich dies auf seinen Werdegang aus.

Die Häuser Beim Alten Schützenhof 20 und 22 sind aus dem Jahr 1867 und damit die ältesten in Barmbek. Hier ist, auf ein paar Metern, ein Menge Geschichte versammelt. Das muss ja nicht so bleiben. Die Häuser haben den Zweiten Weltkrieg überstanden, ob das auch für die nächsten Monate gilt, ist ungewiss. Die Besitzerin hat die Immobilien von einer Erbengemeinschaft erworben, die jahrelang wenig bis nichts an den Häusern gemacht hat, und hatte wohl den Plan, das Haus abzureißen, einen kleinen Flachbau, der nach dem Krieg entstanden war, gleich mit, um dadurch ein fast quadratisches Grundstück zu gewinnen, dieses mit prima neuen Häusern zu bebauen, die, als Eigentumswohnungen, schönes Geld bringen würden.

Das gefällt nicht allen. Die Mieter zahlen, trotz einer kürzlichen Erhöhung, eine erträgliche Miete. Einige wohnen seit über 25 Jahren hier und sind mit unbefristeten, andere mit befristeten Mietverträgen bis 2013 ausgestattet. Sie wollen gerne bleiben. Einer sagt: „Das hat was“, und zeigt uns Treppenhaus, Dachboden und seine Wohnung. Er kennt die Geschichte des Hauses und Barmbeks, als es noch „Barmbeck“ hieß, so gut wie seine vier Wände. „Natürlich“, sagt der Mieter, „ist die Elektrik nicht auf dem neuesten Stand, und ein paar Ausbesserungsarbeiten im Treppenhaus wären nicht schlecht, aber die Substanz ist in Ordnung.“

Im Nebenhaus, Schützenhof 20, sitzt der Schwamm in zwei Wohnungen, die deshalb leer stehen. Zwischenwände wurden raus gerissen. Der Mieter ist überzeugt, „dass die den Schwamm weitgehend erwischt haben“.

Die Hausbesitzerin hat einen Gutachter beauftragt, der prüfen soll, ob eine Sanierung finanziell sinnvoll ist. „Wirtschaftlichkeitsprüfung“ nennt sich das. Der Gutachter war vor neun Jahren, als das Haus noch der Erbengemeinschaft gehörte und ein Sanierungsversuch gestartet wurde, schon mal da, und fand, als er nun wieder vor dem Haus stand, dass das ja immer noch ganz gut aussehe. Auch nach einer etwas genaueren Inspektion war er dieser Ansicht. Die Mieter haben über das Gutachten nichts mehr gehört. Womöglich wurde es von der Hausbesitzerin gestoppt, weil sie gerne gehört hätte, dass es nicht gut um das Haus steht. Es gehört ihr in Hamburg nicht nur dieses.

Die Wohnungen sind 50 bis 60 Quadratmeter groß, aber dafür 2,75 Meter hoch. Die Isolierung ist nicht ideal, die Heizkosten entsprechend, mehr Isolierung würde Feuchtigkeitsprobleme nach sich ziehen. Nicht alle Wohnungen haben eine Badewanne, die Badezimmer wurden in die ehemaligen Kohleräume der Wohnungen gebaut. Balkone gibt’s nicht, Wohnungsflure auch nicht, die Treppen sind eng und werden, je weiter es nach oben geht, steiler. Aber so weit nach oben geht es nicht. Warmes Wasser und Heizung mit Gas, der Boiler hängt über der Spüle, man sieht, dass die Moderne nachträglich eingebaut wurde, so gut es ging. Im Jahr 1867 lebten hier Arbeiterfamilien, die Männer arbeiteten in der Gummifabrik, der Meyerschen Stockfabrik oder dem Gaswerk. Es waren die ersten städtischen Häuser im dörflichen „Barmbeck“.

Bei den Häusern handelt es sich um ein „erkanntes“, noch kein „anerkanntes Denkmal“. Dies ergab eine kleine Anfrage des Bürgerschaftsabgeordneten Sven Tode (SPD). Ein feiner, ein Hamburger Unterschied, den das hiesige Denkmalschutzgesetz, im Unterschied zu den Gesetzen anderer Bundesländer, kennt. Die regierende SPD möchte das Denkmalschutzgesetz im Sommer novellieren. Das könnte bedeuten, dass alle „erkannten“ zu „anerkannten Denkmälern“ werden, was ihren Erhalt einfacher, ihren Abriss schwieriger macht. Den Hausbesitzern, die ja gerne so tun, als lade ihnen der Denkmalschutz nur Lasten auf, würde es die Möglichkeit geben, leichter an Fördergelder heranzukommen.

SPD-Mann Tode, studierter Historiker, hat sich in die Häuser verguckt: „Es gilt, sie zu erhalten“, sagt er, „ist eine Restaurierung mit schwarzer Null möglich, dann können sie nicht abgerissen werden.“ Er sieht in diesen Häusern eine „Identität stiftende Kraft“ und ist sich dabei einig mit Reinhard Otto von der Geschichtswerkstatt Barmbek, die hier ein Schild aufgestellt hat, das an Petersen und die Industrialisierung Barmbeks erinnert. Diese Häuser „verbinden uns mit der Geschichte“, sagt Otto.

„Hier können wir die Entwicklung des Stadtteils, die Entwicklung von Zeit sehen“, sagt Tode. Viele vergleichbare Möglichkeiten gebe es in Hamburg nicht mehr. Es gibt Barmbeker, die hängen an den Häusern, weil durch sie eine Verbindung zu ihrer Kindheit, ihrer Biografie besteht. Tode nennt die Häuser „Kulturwerte“.

Dass die Häuser keine Flure hatten „hat was mit Sozialstruktur zu tun, Flure, das Verschenken von Wohnraum, konnte sich damals keiner leisten“, sagt Tode. Das spätere Hinterhaus hat einen Flur, dafür sind die Räume niedriger. Das Eckhaus Bartholomäusstraße ist ein paar Jahre jünger, das Haus gegenüber ein ehemals genossenschaftlicher Klinkerbau aus den zwanziger Jahren. „So ein Ensemble ist einmalig für Barmbek“, sagt Tode.

Barmbek, weiß Otto, wuchs Ende des 19. Jahrhunderts in wenigen Jahren von 3.000 auf 90.000 Einwohner. Es entstand das „enge Barmbek“. Hafenarbeiter, die in der Nähe des Hafens ihre Wohnungen verloren, zogen hierher. Zuwanderer aus Mecklenburg und Pommern auch.

Das Haus steht nur deshalb noch, weil sich schon im Zweiten Weltkrieg seine Bewohner für seinen Erhalt eingesetzt haben. Als Barmbek bombardiert wurde, warfen sie die Brandbomben vom Dach. Die Fenster der Kaschemme des Lords, der sich am 22. November 1933 im Untersuchungsgefängnis aufhängte, ließen die Nazis im Zuge ihres Bunkerprogramms mit Betonfertigteilen sichern. Daraus wurden heute Fahrradständer.

„Man müsste, wenn das Haus stehen bleibt“, findet der Mieter, „ein bisschen was machen.“ Die Betonteile weg, den Hinterhof von seinem Pflaster befreien. Da steht nicht, wie in dem Gedicht von Brecht, ein Pflaumenbaum, sondern eine Birne. „Die Birnen schmecken nicht besonders“, sagt der Mieter, „aber es ist immerhin ein Baum.“

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