Artisten verprügeln Aktivisten

Manege frei für auf die Fresse

Tierrechtsaktivisten wollten vor einem Zirkus demonstrieren. Dann kamen die Artisten – und es gab tüchtig Haue. Nur der Clown hielt sich raus.

Verletzte Aktivisten nach Zirkusbesuch. Bild: die tierbefreier*innen Leipzig

BERLIN taz | Nein, der Clown hat nicht mitgeprügelt, sagt der Zirkusdirektor. Manege frei für die Gebrüder Schmidt. Es ist ein milder Wintersonntag und um 14 Uhr wird gleich die Vorstellung beginnen. Dann sollen sich die Kunstreiter wieder gewohnt grazil auf den Rücken ihrer Lieblinge halten. Sie turnen auf ihren Pferden und sibirischen Steppenkamelen. Der Zirkus ist in der Stadt. Mit Ginea auf dem Drahtseil, Miss Vivian am Vertikalseil und mit Clown Pauli. „Freuen Sie sich“, so wirbt der Zirkus Aeros auf seiner Homepage für seine Vorstellungen, „auf neue Höchstleistungen unseres artistischen Nachwuchses, die das ganze Jahr für Leipzig hart trainiert haben.“

Doch bevor es an diesem Sonntag Spaß in der Manege geben soll, gibt es noch etwas ganz besonderes, nämlich: Dresche. Denn vor dem Zirkuszelt am Cottaweg in Leipzig haben sich ein paar Aktivisten postiert, mit einem Plakat, auf dem ein schlichter Spruch steht. „Keine Tiere im Zirkus“. Sie demonstrieren gegen Tierdressuren und gegen die Haltungsbedingungen von Zirkustieren. Es sind Aktivisten der Tierbefreiungsbewegung, einer Tierrechtsbewegung, die gerne auch mal etwas konkreter wird – etwa indem Aktivisten in Mastbetriebe und Ställe eindringen und die Tiere freilassen. Wiederholt verdächtigten Ermittler in der Vergangenheit radikale Tierbefreier, etwa wenn in Niedersachsen mal wieder ein geplanter Mastbetrieb Schaden nahm oder in Brand geriet.

An diesem Sonntag ist es anders. Die Demonstration ist ordentlich angemeldet. Und die Polizei hat einen „Auflagenort“ zugewiesen. Doch die Zirkusartisten waren mit diesem Auflagenort nicht ganz einverstanden. Und nun ermittelt die Polizei gegen sie wegen gefährlicher Körperverletzung. Das Bild, das vier Zirkusartisten hinterließen, sieht beachtlich aus: Die Demonstranten bluten aus der Nase, einer soll auf dem Boden gelegen haben, als die Zirkusmitarbeiter weiter auf ihn eintraten. So schildern es die Aktivisten. Die Polizei bestätigt die Version. Ein Video der Tierrechtsgruppe zeigt, wie die Zirkusmitarbeiter auf die Aktivisten losgehen, hinter ihnen herlaufen, auf sie einschlagen.

Dabei sind nach Polizeiangaben zwei 18-jährige Zirkusangehörige, ein 24-jähriger und ein 43-jähriger prügelten nach Polizeiangaben ebenfalls mit. Als sie bemerkten, dass die Prügelszene auch auf dem Handy eines Demonstranten festgehalten wurde, dachten sie wohl nicht mehr an ihre Steppenkamele – sondern sollen sich auf die Jagd nach dem Gerät gemacht haben.

Spürbar unangenehm

Dem Zirkusdirektor Bernhard Schmidt war die Sache am Montag spürbar unangenehm. Der taz sagte er, der Zirkus Aeros entschuldige sich bei den Beteiligten in aller Form für diesen Zwischenfall.

Der Streit um die Haltungsbedingungen von Zirkustieren ist nicht neu. Besonders kritisieren Tierschützer die Haltung exotischer Tiere. Der Zirkus Aeros trat nach eigenen Angaben zuletzt in Leipzig mit Pferden und Kamelen auf. Gelegentlich, so Direktor Schmidt, habe der Zirkus für einzelne Vorstellungen noch ein Zebra „dazuengagiert“.

Steffen Bröckling, der früher Rechercheteamleiter bei der Tierrechtsorganisation PETA war, sagte: „Wenn man sich als Aktivist mit Zirkussen auseinandersetzt, muss man immer davon ausgehen, dass es zu körperlichen Übergriffen kommt.“ Er selbst sei bei einem Protest gegen einen Zirkus in Essen einmal zusammengeschlagen worden. „Sie gingen mit Baseballschlägern auf uns los und wollten Bären auf uns hetzen.“

Der Vorsitzende des Berufsverbands der Tierlehrer, Claus Kröplin, sagte: „Ich heiße das nicht für gut, aber dass es nun eskaliert, wundert mich nicht. Das musste irgendwann so kommen.“ Er kenne zahlreiche Fälle, bei denen es umgekehrt verlaufen sei, sagte Kröplin, dessen Familie in Mecklenburg-Vorpommern eine Dressurschule für Elefanten betreibt. „Für die Zirkustiere heute ist der Transporter eine Heimat zweiten Grades“, so Kröplin. Tierrechtsaktivisten müssten aufhören, Leute vor dem Zirkus zu belästigen oder zu Boykotten aufzurufen. Das sehen die Aktivisten anders: Sie wollen nun erst recht weiter gegen den Zirkus Aeros demonstrieren – aber unter Polizeischutz.

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