Prügel im Einkaufszentrum

Roma unerwünscht

Izabela und Maria berichten, sie seien in Bremen ins Krankenhaus geprügelt und als „Zigeuner“ beschimpft worden.

Izabela und Maria wurden vom Sicherheitspersonal des Einkaufszentrums Haven Höövt schwer verletzt. Bild: Jean-Philipp Baeck

BREMEN taz | Mit einem Schädel-Hirn-Trauma lag die fünfzehnjährige Izabela drei Tage lang in einem Bremer Krankenhaus. Blutergüsse, Kopfschmerzen, Prellungen. Auch ihre Tante wurde für eine Nacht stationär aufgenommen, wegen eines angebrochenen Jochbeins. Es sei passiert, als Sicherheitsleute sie aus einem Einkaufszentrum warfen, erzählen sie, und, dass sie als „Zigeuner“ beschimpft wurden. Aber ihre Version ging bislang unter.

Anders die Meldung der Polizeipressestelle: Sie fand Platz in den Gazetten der Stadt – und wurden online heftig kommentiert: Am Samstag, den 8. März, sei es im Einkaufszentrum „Haven Höövt“ im Bremer Stadtteil Vegesack zu einer Schlägerei gekommen, so die Polizei. Gelockt worden waren zahlreiche Kunden mit einem „Second-Hand-Basar“. Laut Polizei entdeckte ein Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes „mehrere Personen, gegen die ein Hausverbot bestand“: „Er zog einen Kollegen hinzu, um diese Menschen aus dem Haus zu geleiten. Als er sie auf das Hausverbot ansprach, eskalierte die Situation augenblicklich. Das Sicherheitspersonal wurde mit Tritten und Faustschlägen attackiert. Zusätzlich wurden sie gebissen und bespuckt.“ Die Polizei sei später hinzu gekommen und die Situation habe sich beruhigt, vier Beteiligte seien verletzt worden – soweit die kurze Nachricht.

Die Internet-Kommentatoren in Bremen kennen das Shopping-Center „Haven Höövt“ mit seiner imposanten Glas-Fassade, das gegenüber, ja, nur einen Steinwurf entfernt von der „Grohner Düne“ liegt, dieser berüchtigten Hochhaus-Siedlung, die von einer Immobilienfirma als Spekulationsobjekt heruntergewirtschaftet wird und in der überwiegend Migranten und finanziell Abgehängte leben.

Zu all dem dachten sich Online-Kommentatoren ihren Teil und schimpften: über „Asoziale“, und dass der Stadtteil Vegesack eben „so“ sei. Forderten härtere Strafen gegen „Intensivtäter“, denn: „jeder zu lasch Verurteilte der noch rumläuft, versaut doch wenigsten zwei Anderen mit Migrationshintergrund den Alltag“. Dass man „sowas Asoziales wie die hier nicht benötige“, schrieb eine, und dass sie „nicht ausländerfeindlich“ sei, aber „die direkt zurück in ihr Land geschickt“ werden sollten.

Sicherheitsleute weisen die Tür

Das „Land“ von „denen“ allerdings ist Deutschland. Izabela ist fünfzehn, Maria ein Jahr älter. Die Schwestern sitzen in ihrer Wohnung im zweiten Stock in einem der Blöcke der „Grohner Düne“. Wäre nicht einer der anderen Wohn-Felsen im Weg, könnten sie das Center sehen, eine Minute, dann sind sie da. An dem Samstag Anfang März seien sie und Maria auf dem Flohmarkt gewesen, erzählt Izabela. Ein paar T-Shirts hätten sie sich angeschaut, als zwei Sicherheitsleute ihnen die Tür wiesen, weil sie Hausverbot hätten.

Tatsächlich durften die beiden dort eine Zeit lang nicht hinein: Izabela und Maria waren beim Klauen erwischt worden, wollten Glitzerschmuck für Zähne mitnehmen. Maria lächelt verschämt, wenn Izabela davon erzählt, heute ist es ihnen peinlich. Die Sache sei schon länger her, sagt Izabela und längst sei sie mit ihrer Mutter wieder dort gewesen – ohne dass die Wachleute etwas gesagt hätten. Der „Marktkauf“ im Center ist der nächstgelegene Supermarkt, alle Nachbarn kaufen dort ein.

Schläge ins Gesicht

Deshalb war Izabela überrascht: „Ich habe dem Mann gesagt, dass wir kein Hausverbot mehr haben“, sagt sie. Aber als sie dann dabei war, zu gehen, habe er sie geschubst und auch getreten, einfach so, sagt sie. Das habe sie sich nicht gefallen lassen – und ihn zurückgeschubst. Eins kam zum anderen. „Er hat an meinen Haaren gezogen und mich auf den Boden geworfen“, sagt Izabela. „Meiner Schwester hat er ins Gesicht geschlagen.“ Umstehende Passanten hätten noch gefragt, warum die Sicherheitsmänner die kleinen Mädchen verprügeln. „Die waren zwei Meter groß“, sagt ihre Schwester Maria.

„Wir wurden wie Tiere behandelt“, sagt Maria. Und das sei nicht das erste Mal gewesen, von den Sicherheitsleuten kenne sie das: „Wenn sie sehen, dass es Roma sind, schmeißen sie die Leute fast immer raus.“ Manchmal würden die Sicherheitsmänner die Menschen auch verwechseln. „Dann sagen sie: ’Ihr‘ seht ja alle gleich aus.“ Wen sie mit „ihr“ meinen? „Roma“, sagt Maria. „Die spekulieren darauf, dass die Leute sich nicht wehren, weil sie kein deutsch können.“

Auch an dem Samstag sei sie rassistisch beleidigt worden. „Sie haben ’Zigeuner‘ gerufen, deswegen sollten wir gehen.“

Pfefferspray ins Gesicht

Als ihre 54-jährige Tante und ihr 18-jähriger Bruder aus einiger Entfernung sehen, was mit ihnen passiert, eilen sie hinzu. Die Sicherheitsleute bekommen Verstärkung. Izabela sagt, ihrer Tante sei mit irgendetwas der Hals abgeschnürt worden. Ihr selbst wurden die Hände gefesselt – das sieht man auf Fotos und auch, wie fünf Männer mit blauen Uniformen sich um jemanden herum aufbauen. Ihr Bruder bekommt Pfefferspray ins Gesicht. Als Izabela das sieht, will sie zu ihm, ein Sicherheitsmann habe sie daraufhin so stark gegen eine Scheibe gedonnert, dass sie ohnmächtig wurde.

Erst am nächsten Tag setzte das Erbrechen ein, die Kopfschmerzen hatten nicht aufgehört. „Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades“, ist der ärztliche Befund, Handgelenksprellung und Verstauchung des Sprunggelenks. Zur Beobachtung verbringt Izabela drei Nächte im Krankenhaus. Fotos zeigen Striemen und Blutergüsse an Fuß und Handgelenken. Ihre Tante hat ein Schleudertrauma, Oberlidschwellungen und das angebrochene Jochbein.

Anzeige gegen Sicherheitsleute

Seit dem Vorfall ist Izabela verängstigt und geht nicht mehr gern vor die Tür. Gegen sie und Maria liegt eine Anzeige vor. Weil die Polizei ihnen dazu geraten habe, zeigten auch sie die Sicherheitsleute an. Nun suchen sie Zeugen, viele Menschen hätten das Geschehen beobachtet.

Die Sicherheitsfirma will sich „wegen des laufenden Verfahrens“ zu dem Vorfall nicht äußern. Allgemein würden rassistische Beleidigungen nicht zur Firma passen, sagt ein Unternehmenssprecher, die mehreren Tausend Mitarbeiter kämen aus über 100 Nationen. Hausverbote würden immer nur im Auftrag des Hausherren durchgesetzt. In diesem Fall wäre das das Center Management des Haven Höövt. Doch das verweist zurück an die Sicherheitsfirma.

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