DIE STREETFASHION-MESSE BRIGHT, IHR HISTORISCHES BEWUSSTSEIN UND IHRE OSTEUROPÄISCHEN DESIGNERSTARS

Im Fahrstuhl mit Bryanboy

Julia ist die die 14.-berühmteste Japanerin außerhalb Japans

VON TIMO FELDHAUS

Der sich kolibrihaft bewegende Fächer jagt eine Perle Schweiß über den wohlgeformten Wangenknochen. Vom Unterkiefer tropft sie tonnenschwer auf den purpurfarbenen Hemdkragen und breitet sich dort nach dem Aufprall aus wie ein kleiner See. Ich habe das Lied „Summertime“ der britischen Band The Sundays im Ohr, was natürlich total kitschig ist.

Für den Herren stellt sich dieses Jahr nicht mehr die Frage, ob man kurze Hosen, sondern wie man sie trägt. Weit und über der Hüfte oder eng anliegend und leicht unter der Hüfte sitzend. Bei der Streetfashion-Messe Bright merkt man davon allerdings noch nichts. Wenn das Accessoire der Bread & Butter das Profitheft ist – Zitat eines PR-Menschen: „Wir werden teurer. Cotton ist teurer, Öl ist teurer. Alle werden teurer“ –, dann ist es bei der Bright das Skateboard.

Zwischen credibilen Besuchern im ehemaligen Stasi-Hauptquartier in Lichtenberg rieche ich zum ersten Mal die DDR, in den Originalsitzen der holzverkleideten Kongresshalle sieht man sich Skateboardvideos an. Die Berliner Mode beweist auch abseits vom Mercedes-Zelt auf dem Platz der Bücherverbrennung ein Händchen für Geschichtsbewusstsein. Später geht man etwa zur Präsentation Markus Lupfers im Privatclub Soho House. Die gesellschaftliche Elite trifft sich täglich in einem ehemaligen Sitz der NSDAP, 1946 zog die SED mit der Parteiführung in das Gebäude an der Torstraße. Wir schleichen uns in den achten Stock und versuchen, so souverän wie möglich am Pool zu lungern.

Plötzlich steht wie aus dem Nichts ein David-Lynch-hafter Zwerg neben uns, kaum hörbar zieselt er in die megatrockene Sommerluft: „Darf ich Sie hinausbegleiten?“ Es ist eine rhetorische Frage. Er bringt uns zurück zum Fahrstuhl, drückt die 2 und verabschiedet sich mit einem Diener. Wir halten in der 4, und Christiane Arp, die mächtigste Modefrau Deutschlands, steigt dazu. Sie dreht sich leicht und ich erkenne ein Tattoo in Form einer runden Sonne, eines Mondes oder so etwas in ihrem Nacken. Veruschka da drüben ist die glamouröseste Frau Deutschlands, versuche ich dem philippinischen Blogger Bryanboy zu erklären, aber er schaut bereits woandershin. You’re Not the Only One I Know, denke ich etwas beleidigt, ein Lied der Sundays rezipierend und blicke über seine Sonnenbrille hinweg zu Franz Hessel. Mdm. Julia ist die die 14.-berühmteste Japanerin außerhalb Japans, erzählt er später. Sie hat blaues Haar, merke ich sofort. Wir schauen alle gemeinsam C.Neeon, die schönste Show der gesamten Woche.

Gut für Berlin sind die vielen Designer osteuropäischer Herkunft. Denn allein als Achse zwischen West und Ost könnte die Stadt eine modische Zukunft haben. Es begann mit dem Moskauer Proll-Versteher Gosha Rubchinskiy, den das Magazin 032c eingeladen hatte. Vladimir Karaleev machte den 3. Platz beim hoch dotierten „Start your Fashion Business“-Preis der Senatsverwaltung. Damir Doma zeigte seine Kollektion Silence auf dem Dach des E-Werks, Dawid Tomaszewski Richard-Serra-inspirierte Abendkleider, der junge George Bezhanishvili im HBC. Erneut war die Fashion Week Anlass für Ladeneröffnungen: Sabrina Dehoff auf der Torstraße, Fashion Under Construction auf der Oranienstraße; und im Weekday Store auf der Friedrichstraße weinen junge Mädchen vor Glück. Während Rahel Jaeggi bei ihrer Antrittsvorlesung in der HU über rote Cowboystiefel spricht, lassen gegenüber Kaviar Gauche Rammsteins „Mein Herz brennt“ spielen, und ich denke leise: Was wär ich geworden, gäbe es dich nicht? Durch glühende Luft radelnd, erinnere mich an ein gerade geschautes Shirt des Label Starstyling, darauf stand: „Fashion will burn on Bebelplatz“. Aus dem Neptunbrunnen ragt die schwarz-rote Anarchistenflagge, darunter tanzen nackte Demonstranten. Ich drücke die Ohrenstöpsel tiefer ins Ohr und höre „This is how the story ends“ von The Sundays.