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Der stille Verlags-Patriarch

In der Ruhe liegt die Kraft.“ Dieses Motto ließ John Jahr junior nicht nur dem Gruner+Jahr-Vorstandschef Bernd Kundrun zum Einstand auf einen kleinen Silberwürfel gravieren. Er lebte es auch.

Der älteste Sohn des Verlagsgründers John Jahr senior war über 28 Jahre lang im Vorstand von G+J. Aufsehen wie der Vater oder der einstige Stern-Chefredakteur Henri Nannen erregte Jahr junior aber nie. Still arbeitete er sich im vom Vater mitbegründeten Verlagshaus hoch. Und still hielt er sich an der Spitze. „Wenn man sich mehr als 38 Jahre mit dem Zeitschriftengeschäft beschäftigt hat, dann wacht man immer noch mit dem Gedanken daran auf und geht abends damit ins Bett“, sagte Jahr zu seinem 70. Geburtstag 2003. Da war er bereits drei Jahre im Ruhestand.

1933 in Hamburg geboren, begann Jahr junior nach dem Krieg zunächst eine Lehre als Setzer und Drucker in der Heimatstadt. Bald darauf zog es ihn jedoch ins Ausland: 1953 arbeitete er als Assistent der Chefredaktion beim Londoner Daily Mirror, anschließend wechselte er nach New York, um dort bei Time und Life zu volontieren.

Zurück in Hamburg übernahm Jahr junior die Leitung des väterlichen Constanze Verlags. Als Gruner + Jahr 1965 gegründet wurde, wurde Jahr junior einer der neuen Geschäftsführer, die die Fusion betreuten – ein „absoluter Höhepunkt“ seines beruflichen Wirkens, wie Jahr nicht müde wurde zu betonen. Der Erfolg des Großverlages gab ihm recht: Mit eingeführten Marken wie Stern und Constanze, aber auch Neugründung wie Art und Geo gelang es G+J, sich als Europas größtes Verlagshaus zu etablieren.

Als der Verlag 1972 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde, stieg Bertelsmann ein und wurde Mehrheitseigner. Die Jahr-Familie behielt jedoch eine Sperrminorität, zusammen mit den Geschwistern Michael, Alexander und Angelika war Jahr junior zu 25,1 Prozent an G+J beteiligt. Die Rolle, die John im Geschwisterkreis spielte, beschreibt Schwester Angelika so: „Er war nicht nur der ‚große Bruder‘ innerhalb der Jahr-Familie; er war ihr allseits anerkannter Patriarch.“

2000 zog sich Jahr aus dem Vorstand zurück. Er kümmerte sich fortan um die Spielbanken der familieneigenen Holding in Hamburg und Wiesbaden. Auch wenn er verkündete, sich auch künftig zu Wort melden zu wollen – „Die Scheuklappen gehen mit 70 verloren“ –, ob er mit dem immer stärker betriebswirtschaftlich ausgerichteten Kurs von Vorstandschef Kundrun zufrieden war, weiß man nicht so recht.

Montag starb Jahr junior im Alter von 72 Jahren in Hamburg nach einer Hüftoperation an Herz- und Kreislaufversagen. Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder. HPI