WOLF BIERMANN HÄTTE ES VERDIENT, EHRENBÜRGER VON BERLIN ZU WERDEN

Wenn der Topf aber nun ein Loch hat?

Wolf Biermann und Berlin – gab es da nicht schon einmal einen Eklat? Vor rund zehn Jahren scheiterte eine Initiative, Wolf Biermanns berühmte Wohnung nahe der Chausseestraße zu erwerben und ihn nach Berlin zurückzuholen. Damals war es der Widerstand des PDS-Pressesprechers Hanno Harnisch, der in der Wohnung saß. Der Liedermacher selbst winkte irgendwann genervt ab und blieb in Hamburg, seiner Geburtsstadt.

Jetzt blockt die Berliner SPD-Fraktion seit Wochen den Vorschlag der Opposition, Wolf Biermann die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. Wie im Lied vom Topf, der nun mal ein Loch hat, wird ein Hinderungsgrund nach dem anderen vorgeschoben: Verfahrensfragen, Geschäftsordnungsprobleme, Beratungsbedarf. Alles was zur Begründung einer Ehrenbürgerschaft für Wolf Biermann gehörte, hat der Alterspräsident des Abgeordnetenhauses Uwe Lehmann-Brauns (CDU) im Herbst gesagt.

Das folgende Gezerre ist einer Partei, die Kurt Schumacher, Ernst Reuter und Willy Brandt hervorbrachte, zutiefst unwürdig.

Alle drei stehen für eine Tradition der Freiheit, die auch Brüche in Biografien einschließt. Man muss Biermann nicht in all seinen früheren und späteren Eskapaden folgen, kann viele seiner Äußerungen und Stellungnahmen sogar ablehnen und sich heftig mit ihm streiten. Dennoch sollte man wissen, was sein inneres Exil in Berlin und sein Lebenswerk für die Stadt bedeuten.

Die SPD-Fraktion hat nicht das Problem, dass der Vorschlag von der falschen Seite kam. Sie ist vor den eigenen Pseudolinken eingeknickt, die dem Exkommunisten Biermann seinen späteren Antikommunismus nicht verzeihen – ebenso wie vor Anhängern der PDS-Fraktion, die mit ihren Palästinensertüchern gegen Biermanns proisraelische Einstellung auftreten. Ihre Fraktionsführung ist nur zu feige, dieses deutlich zu sagen. Wolf Biermann hat in seiner Ballade auf den Dichter François Villon darüber ein Lied geschrieben: über Heuchler, welche die Schlimmsten von allen sind.

WOLFGANG TEMPLIN

Der Autor war in der DDR-Bürgerrechtsbewegung aktiv