ORTSTERMIN: EIN LEIDGEPRÜFTES TRADITIONSLOKAL VERKÖSTIGT EHEC-ÄRZTE

Sauerkraut und Kriegsgeschichten

„Die vier Wochen waren die schlimmste Zeit, seit ich dieses Restaurant führe“

Joachim Berger, Gastwirt

Gurken, Tomaten, Sprossen – auch Salat gibt’s heute keinen. Joachim Berger, der Patron des Lübecker „Kartoffelkellers“, lässt Gewürzkrustenbraten von der Altländer Sau servieren, dazu kross gebratene Kartoffeln und Sauerkraut. An den Tischen: 50 Angestellte des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH).

Bedanken will sich der stämmige Gastronom für deren Einsatz während der Ehec-Epidemie, ja, auch ein bisschen PR machen für das Spital – und für seine Gaststätte. Schließlich brach Bergers Umsatz um 80 Prozent ein: „Die vier Ehec-Wochen waren die anstrengendste und schlimmste Zeit, seit ich dieses Restaurant führe“, sagt Berger. Und das sind immerhin 33 Jahre.

Anfang Juni war der „Kartoffelkeller“ plötzlich in aller Munde. Hier, in den mittelalterlichen Kellergewölben unter dem Heiligen-Geist-Hospital, hatten sich am 13. Mai 17 Mitglieder einer Reisegruppe mit dem Ehec-Bakterium infiziert, eine Frau verstarb. Fernsehteams aus Spanien, Frankreich und den USA bauten sich vor dem Traditionsrestaurant auf, berichteten mit Liveschalten in die Heimat. Danach kamen die Katastrophentouristen. „Aus dem Kartoffel- wurde in kürzester Zeit der Ehec-Keller“, erinnert sich Berger. Salat wird bis heute kaum bestellt, Sprossen sind von der Karte verbannt.

Die 50 Ärzte und Pflegekräfte aber fühlen sich wohl: Herzhaft langen sie zu, immer wieder holen sie Nachschlag am Buffet. Der deftige Schweinebraten tut gut nach den Anstrengungen der vergangenen Wochen. 350 Patienten mit Ehec-Symptomen wurden in den beiden UKSH-Krankenhäusern in Lübeck und Kiel behandelt, 115 davon mit dem besonders gravierenden HUS-Syndrom. „Teilweise habe ich mich gefühlt wie auf einem Kriegsschauplatz“, sagt Jürgen Steinhoff, Chefarzt für Nierenkrankheiten. An einigen Tagen seien so viele Ehec-Opfer in der Klinik eingetroffen, dass er sich zur Triage gezwungen sah: Zuerst wurden jene Personen behandelt, bei denen er die besten Heilungschancen erkannte.

Dass das UKSH letztlich nur einen Todesfall zu beklagen hatte – deutschlandweit waren es 51 –, erfüllt auch den Vorstandsvorsitzenden Jens Scholz mit Stolz. Den Schweinebraten verschmäht er zwar, „der liegt auf dem Magen“, aber ein Bier trinkt auch der jüngere Bruder von Hamburgs Erstem Bürgermeister Olaf Scholz gerne mit. Lange schnackt er mit Gastgeber Berger, der immer wieder mal einen schlüpfrigen Witz parat hat. Auch Scholz gibt eine Anekdote zum besten: Als im Laufe der Ehec-Epidemie erstmals Sprossen als Erreger verdächtigt worden seien, habe er erst einmal nachschauen müssen, was Sprossen überhaupt sind. „Ich habe ja keinen Garten“, erzählt der Krankanhaus-Chef, „und ich kaufe auch nie ein.“DENNIS BÜHLER